Welche Vorarbeiten können den Denk- und Schreibprozess anregen?
  1. Lesen Sie die Textvorlage mehrmals genau.
  2. Sie können Ideen dazu in einer mind-map sammeln.
  3. Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit dem thematisierten Problem?
  4. Welche Gefühle stellen sich bei Ihnen gegenüber dem Thema oder zentralen Begriffen ein?
  5. Welche Unterrichtskenntnisse können Sie zu dem Thema aktivieren?
  6. Welche private Lektüre oder Filme können Sie mit dem Thema verbinden?
  7. Welche Bilder sehen Sie vor sich?
  8. Gibt es zentrale Begriffe, die zu klären sich lohnt? (Ein hoher Anspruch wäre eine Definition, weniger hoch: eine Erläuterung.)
  9. Auf welche Frage antwortet der Text? Oder wie ist das Problem zu formulieren, auf das er reagiert?
  10. Sie können das Thema präzisieren oder einengen; aber sagen Sie das in Ihrer Einleitung.
  11. Suchen Sie nach einem Aspekt, der Ihnen persönlich am Herzen liegt. Formulieren Sie zu diesem Aspekt - möglichst einfach und knapp - Ihre eigene Hauptthese.
  12. Überlegen Sie, ob derselbe Text verschiedene Lesarten erlaubt.
  13. Im Zweifelsfall klärt man diese und wendet sich der stärksten Lesart zu.
  14. Grundsätzlich gilt: Jede Position sollte man ernst nehmen, fair behandeln und so stark machen, wie es geht. Andernfalls kämpft man leicht gegen zu schwache oder selbst erdachte Gegner.
  15. Überlegen Sie Pro- und Contra-Argumente zur Textvorlage und zu Ihren eigenen Thesen.
  16. Lesen Sie dazu die Textvorlage zweimal: einmal sehr freundlich, dann ausgesprochen feindlich.
  17. Unterscheiden Sie empirisch zu lösende Fragen von Fragen der philosophischen Reflexion.
  18. Können Sie die Textvorlage oder Ihre Thesen veranschaulichen durch Beispiele? (Denken Sie an Alltagserfahrungen, literarische, biblische Geschichten, Bilder.)
  19. Neben den Beispielen sollten Sie auch abstrahierende Sätze wagen (Prinzipien, Regeln formulieren oder zitieren).
  20. Überlegen Sie den Typ und den Aufbau Ihres Essays, damit Ihr Ziel, den Leser von Ihrer Hauptthese zu überzeugen, eindrücklich erreicht wird. In der Einleitung nehmen Sie den Leser für das Thema (und für sich) ein: Welche Frage ist zu klären? Im Hauptteil verführen Sie den Leser, Ihren Argumenten zu folgen. Für den Schluss bewahren Sie sich einen wirkungsvollen Satz (statt mit einer bloßen Wiederholung von Sätzen aus dem Hauptteil zu langweilen oder mit einem nachgereichtem Argument zu irritieren).
Nun beginnen Sie die Schreibarbeit
  1. Gliedern Sie Ihren Essay bei gedanklichen Einschnitten durch Absätze. (Machen Sie nicht nach jedem Gedanken einen Absatz.) Zwischenüberschriften sind möglich, nicht nötig.
  2. Verzichten Sie auf Füllwörter (wie „eben", „quasi"). Unterscheiden Sie Wissen und Meinung („anscheinend" und „scheinbar").
  3. Das Genie folgt keinen Regeln. - Im übrigen - Sie dürfen Fehler machen. - „[...] es letztlich keinen Ersatz für Übung gibt, wenn man die Kunst beherrschen will, ein Stück Philosophie zu kritisieren [...]."
    (Rosenberg, Jay F.: Philosophieren. Ein Handbuch für Anfänger. Klostermann, Frankfurt a. M. 1986, S. 233. Engl. Orig.: The Practice of Philosophy, 1984)
Ein kritischer Blick auf das eigene Produkt
  1. „Enthusiasmus kann Verständlichkeit nicht ersetzen".
  2. „Vor allem sollten Sie schwerfällige ‚akademische´ Ausdrucksweisen vermeiden. Die Philosophie hat einen Ruf in dieser Hinsicht. Es ist weit verbreitet, Philosophie für eine ‚tiefsinnige` Sache zu halten. Tief mag sie ja sein, doch sollte die tiefe Klarheit eines Hochgebirgssees ihr Vorbild sein, und nicht die tiefe Undurchdringlichkeit eines trüben Sumpfes."(Rosenberg: Philosophieren, 82)

(Gerd Gerhardt, November 2011)