Kinder stark machen für das "Nein"

Von Susanne Schnabel

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Ein "Nein" erfordert Stärke. Damit sich Kinder vor sexuellem Missbrauch schützen können, müssen sie ihre Rechte kennen und wissen, wo sie selbst Grenzen ziehen können. Das Team der Theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück will dieses Bewusstsein bei Kindern und Jugendlichen stärken.

"Mein Körper, der gehört mir allein! Du bestimmst über dein' und ich über mein", singt Johanna auf dem Weg zur Schule. Das Lied kann sie auswendig und es gefällt ihr gut. Gelernt hat sie es von Ulrike Baartz und Knud Fehlauer von der Theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück bei dem Projekt "Mein Körper gehört mir!". Die beiden Schauspieler besuchen die katholische Grundschule Ohler in Mönchengladbach an drei Tagen und arbeiten spielerisch, sensibel und kindgerecht das Thema "sexueller Missbrauch" auf. Johanna freut sich auf die Abwechslung im Schulalltag und hat bereits wichtige Erkenntnisse gewonnen: "Zu Hause habe ich darüber nachgedacht, worum es hier eigentlich geht. Wann habe ich ein Ja-Gefühl, wann ein Nein-Gefühl? Ich habe zum Beispiel ein Nein-Gefühl, wenn ich mich mit meiner Schwester streite oder wenn mir Erwachsene zu feste die Hand drücken".

Großzügige Spende einer Mutter

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Streitigkeiten mit der Schwester muss die Schülerin aushalten, das ist normal. Aber es fängt an beim festen Händedruck, beim Kuss der Oma oder wenn der Onkel das Kind auf den Schoß nehmen möchte. Wenn das unangenehm ist, muss das Kind "Nein" sagen. "Meine Generation ist zum Ja-Sagen erzogen worden. Wir mussten allen Tanten Küsschen geben", erinnert sich Rektor Hans Günter Brockers. "Es gab Verwandte, da war mir das egal, bei anderen nicht. Ich finde es heute sehr wichtig, die Kinder stark zu machen, sie zu sensibilisieren, auf ihr Bauchgefühl zu hören." Deshalb hat sich der 60-jährige Schulleiter gefreut, als die Mutter einer Schülerin das Geld für insgesamt fünf Besuche der Theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück gespendet hat. Häufig übernehmen Fördervereine die Kosten solcher oder ähnlicher Angebote. Innerhalb von zehn Jahren können alle Schülerinnen und Schüler an dem Projekt teilnehmen. Das Team vermittelt mit gespielten Szenen, Gesprächen und Spielen, dass der Körper persönliches Eigentum ist, dass Kinder Ja- und Nein-Gefühle haben - und sie auch zeigen und aussprechen dürfen. Ulrike Baartz und Knud Fehlauer erklären, Kinder sind nicht allein, es gibt immer Menschen, die helfen - auch wenn man vielleicht ein wenig nach ihnen suchen muss. Den Kindern wird klar gemacht, dass bei sexueller Gewalt immer der Täter oder die Täterin Schuld hat und nie das Kind, das missbraucht wird. Auch dann nicht, wenn das Kind glaubt, dass es etwas falsch gemacht hat.

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Kinder outen sich nicht vor der Klasse

Die Mitarbeiter haben schon oft Fälle aufgedeckt, weil sich Schüler auffällig verhalten haben. "Sie stehen unter einem immensen Druck, würden sich aber nicht öffentlich outen. Wenn wir Auffälligkeiten feststellen, reden wir mit dem Lehrer", sagt Ulrike Baartz, die seit neun Jahren bei dem Projekt dabei ist. Sie erklärt, dass die Theaterszenen immer wieder überarbeitet werden und sich neuen Lebensumständen der Kinder anpassen: "Die Übergriffe von großen Geschwistern haben zugenommen, so dass wir im Theaterstück aus dem Onkel einen Bruder gemacht haben. Zudem wird das Thema Internet immer wichtiger. Kinder geben beispielsweise ihren Namen beim Chatten an. Auch solche Themen nehmen wir mit auf", so Baartz.


Bundesverfassungsgericht entscheidet über "Mein Körper gehört mir!"

Im Unterricht greifen Lehrer den Inhalt der Theaterszenen auf, und Eltern werden ebenfalls in das Projekt mit einbezogen. Das Feedback an der Grundschule Ohler ist durchweg positiv. An anderen Schulen gab es massiven Widerstand gegen die Theateraufführung, mit dem sich sogar im Jahr 2009 das Bundesverfassungsgericht beschäftigt hat. Die Richter wiesen eine Verfassungsbeschwerde der dem baptistischen Glauben anhängenden Eltern zweier Schüler einer Grundschule im Raum Paderborn ab, die wegen der teilnahmepflichtigen Aufführung von "Mein Körper gehört mir!" ihre Söhne einfach zu Hause gelassen hatten und deswegen ein Bußgeld von 80 Euro zahlen sollten. Der Vorwurf, das Theaterprojekt erziehe zu freier Sexualität oder sogar zur Pädophilie, ist aus Sicht der Richter haltlos.

Besorgniserregende Zahlen

Jährlich werden in Deutschland laut Statistik des Bundeskriminalamtes mehr als 15.000 Kinder unter 14 Jahren sexuell misshandelt. Experten schätzen die Dunkelziffer bei etwa 90 Prozent. Fast immer handelt es sich dabei um sexuellen Missbrauch, dessen Täter meist aus dem direkten familiären Umfeld kommen. Viele Fälle werden gar nicht, oder erst sehr viel später angezeigt, wenn die Kinder das Elternhaus verlassen haben.

Links und Telefonnummern:

Kindernotruf (bundesweit kostenlos, Montag bis Samstag 14-20 Uhr): 0800 / 111 0 333

Elterntelefon: 0800 / 111 055 (Mo-Fr 9-11 Uhr, Di und Do 17-19 Uhr)

Theaterpädagogische Werkstatt Osnabrück: www.theaterpaed-werkstatt.de/