Als der Elternabend zu scheitern drohte
Gute Stimmung, motivierende Worte, Anekdoten zum Mut machen, ein feierlicher Amtseid und jede Menge Musik: Schulministerin Dorothee Feller besuchte die Vereidigung von etwa 130 Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärtern in Jülich. Vier LAA erzählen sehr persönlich, warum sie Lehrkraft werden wollen – und mit welchen Gefühlen sie in ihr Referendariat starten.
An jenem Tag drohte großer Ärger. Sandra Schoof, junge Lehrerin an einer Schule in einer Kleinstadt im Kreis Viersen, hatte zum Elternabend eingeladen – zeitgleich mit einem wichtigen Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft. Kaum hatten alle Mütter und Väter Platz genommen, kam auch schon eine Wortmeldung mit freundlichem, aber dezidiertem Hinweis auf das konkurrierende Sportereignis. „Eine Mutter bat mich, es doch bitte kurz zu machen“, erzählt Sandra Schoof. Die junge Lehrerin zögerte nicht, warf ihre Planung über den Haufen, beendete bald die Informationsveranstaltung, machte sich mit den Eltern auf zur nächsten Kneipe und guckte einfach mit. „Dieser Abend hat uns so gestärkt, dass wir danach mit allen Schülern, Lehrern und Eltern ein sehr positives Verhältnis pflegen konnten.“
"Weichen Sie auch mal von Vorbereitetem ab, seien Sie mutig, seien Sie menschlich!"
ZfsL-Leiterin Sandra Schoof
Eine Nachwuchslehrkraft ist Sandra Schoof schon lange nicht mehr, sondern gestandene Leiterin des Zentrums für schulpraktische Lehrerausbildung (ZfsL) in Jülich. Als solche blickt sie an einem sonnigen Vormittag im bis auf den letzten Platz gefüllten obersten Stockwerk des ZfsL-Gebäudes in lächelnde Gesichter. Gerade hat sie die Anekdote aus ihrer Anfangszeit erzählt, die fast fatale Kollision mit dem Lieblingssport der Deutschen. Der Saal ist prächtig geschmückt, eine Musikgruppe des ZfsL ist gekommen, viele Ehrengäste – und etwa 130 Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter (LAA), die an diesem Bilderbuchmorgen ihren Amtseid schwören und ihren Vorbereitungsdienst beginnen werden. „Weichen Sie auch mal von Vorbereitetem ab, seien Sie mutig, seien Sie menschlich!“ ruft die ZfsL-Leiterin den Neuankömmlingen zu.
Lassen Sie sich nicht entmutigen von äußerst erfahrenen Persönlichkeiten im Schulsystem, die meinen, es gäbe nur den einen wahren Weg! Es ist wichtig, neue Dinge auszuprobieren.
Ministerin Dorothee Feller
Dieser Aufruf zur Flexibilität gilt nicht nur für Jülich: Überall in Nordrhein-Westfalen haben in diesen Tagen neue LAA ihr Referendariat begonnen. Etwa 3.400 sind es insgesamt. An 33 ZfsL mit 106 lehramtsbezogenen Seminaren erhalten sie ihre in der Regel 18-monatige Ausbildung und profitieren dabei erstmals von einer reformierten „Ordnung des Vorbereitungsdienstes und der Staatsprüfung“ (OVP), die ZfsL und Ausbildungsschulen noch enger miteinander verzahnt. An der Jülicher Vereidigungsfeier nahm Schulministerin Dorothee Feller teil, die ebenfalls die großen Vorzüge kritischen und flexiblen Denkens im Unterricht hervorhob: „Lassen Sie sich nicht entmutigen von äußerst erfahrenen Persönlichkeiten im Schulsystem, die meinen, es gäbe nur den einen wahren Weg! Es ist wichtig, neue Dinge auszuprobieren. Haben Sie also den Mut, auch mal zu sagen: Wir können es auch anders machen.“
Mit zukunftsweisenden Lehren verbunden war diese Vereidigungsfeier für künftige Lehrkräfte für Sonderpädagogik und Sekundarstufe I, aber lustig und in vielen Phasen ausgesprochen leidenschaftlich war sie auch. Nicht nur die Ministerin und Sandra Schoof begrüßten die frischgebackenen LAA mit motivierenden Worten, sondern aus dem Jülicher Leitungsteam auch Melanie Erler und Christoph Backhaus. Anna Scholz und Bianca Pahl, die erst vor wenigen Tagen in Jülich ihren Vorbereitungsdienst beendet hatten, sprachen ebenfalls einige Worte an ihre Nachfolgerinnen und Nachfolger und boten an, immer offene Ohren für Fragen oder auch mal Zweifel zu haben, egal zu welcher Tages- oder Abendzeit. „Es wartet auf Sie alle eine herausfordernde, aber auch unglaublich erfüllende Zeit“, betonte Melanie Erler. Damit bei aller Anspannung die Freude nicht zu kurz kam, sorgten im Anschluss Nahulan-David Antony-Jeyakuma, Benedikt Diegmann, Julia Kaun und Anna Scholz als musikalische Combo des ZfsL für Enthusiasmus und Entspannung. Zwei Stücke gab das Quartett zum Besten, darunter das aus dem Film „La La Land“ stammende „City of Stars“, in dem es um das wohlige Zusammensein geht, um Nähe und Liebe, um das Strahlen und Leuchten auf dieser und in anderen Welten und um etwas wunderbar Neues, das gerade beginnt.
Vertrauen schaffen, Werte vermitteln, Selbstvertrauen wecken und elementare Kenntnisse fürs Leben weitertragen
Angesprochen fühlen durfte sich unter anderem Johannes Weber. Er hat viele Talente. Als studierter Jazzgitarrist spielt er in einer rheinländischen Band, tourt als Gastmusiker und unterrichtet in Musikschulen. Im Betrieb seines Vaters hat er sich zum Fliesenlegergesellen ausbilden lassen und ein Faible für Zahlen. Seine Interessen und Fähigkeiten verbindet der Rheinländer nun, um Kinder und Jugendliche auf ihrem Bildungsweg zu begleiten: Weber wird Lehrer für Musik und Mathematik. Wenn er als Lehrkraft an einer Gesamtschule vor Schülerinnen und Schülern in seine E-Gitarren-Saiten greift, „zeige ich etwas von meiner Persönlichkeit, erreiche Nahbarkeit“. Es liegt ihm am Herzen, Vertrauen zu schaffen, Werte zu vermitteln, Selbstvertrauen in Kindern und Jugendlichen zu wecken und elementare Kenntnisse aus Kernfächern fürs Leben weiterzutragen.
All diese Ziele begleiten auch Sejla Sendro Hasic bei ihrem Einstieg in den Vorbereitungsdienst. Bei ihr erwies sich das Interesse für Kunst und Englisch als mitentscheidend dafür, in den Beruf als Lehrerin zu starten. Die aus Langerwehe kommende junge Frau beginnt ihr Referendariat mit Respekt, aber auch mit „einer großen Vorfreude“. Die stimmungsvolle Vereidigung trage und bestärke sie nun. Eine Bestätigung dafür, dass sie als Lehrkraft geeignet ist, erhielt sie bereits während ihrer Schulzeit. Als Schülerin der 10. Klasse bekam Sejla Sendro Hasic mit, wie ihr Deutschlehrer aus Verärgerung über wieder mal nicht gemachte Hausaufgaben für kurze Zeit seinen Dienst im Unterricht quittierte und sich an die Fensterbank lehnte. „Ich übernehme für Sie“, sagte Sejla Sendro Hasic. Kurzerhand erledigte sie einfach für ein paar Minuten den Job des Deutschlehrers und merkte, wie viel Spaß ihr die Vermittlung von Unterrichtsinhalten machen kann.
Humor beweisen, immer wieder das Gute suchen, schwierigen Situationen trotzen – auch darum gehe es im Vorbereitungsdienst, betont ZfsL-Leiterin Schoof. Für das Motto der Vereidigungsfeier hatte sie mit ihrem Team den Slogan „Vielfalt leben – Potenziale wecken“ ausgewählt. Zudem hatten sie im Gebäude an vielen Stellen einen Kompass platziert. „Dieser hilft Ihnen, Kurs zu halten, auch wenn das Gelände vielleicht mal unübersichtlich wird“, sagte Sandra Schoof. Sie appellierte an die neuen LAA, stets das Beste in den Schülerinnen und Schülern zum Leben zu erwecken: „Werden Sie dabei zu Schatzsucherinnen und Schatzsuchern! Schauen Sie auf das Potenzial und feiern Sie jeden kleinen Fortschritt auch als Meilenstein Ihrer Schülerinnen und Schüler!“
Gemeinsam unterschiedliche Lernwege entdecken und für jedes Kind passende Zugänge zum Lernen finden
Eine der künftigen Schatzsucherinnen im Schuldienst ist Emily Heuer. Einst hat die Kölnerin, noch als Schülerin, in einem dieser zwischen den Schulbänken die Hände wechselnden Freundschaftsbücher den Wunsch verewigt, Lehrerin werden zu wollen. Nach ihrem Schulabschluss startete sie zunächst mit einer Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau, schloss dann ein Lehramtsstudium Sonderpädagogik an. Fächer: Deutsch und Biologie, Förderschwerpunkte: emotionale und soziale Entwicklung sowie Sprache. „Ich bin ein kreativer, neugieriger und handlungsorientierter Mensch“, erzählt Emily Heuer, „mir selbst fiel das stille Sitzen und das theoretische Lernen in der Schule nicht immer leicht. Ich habe jedoch das große Privileg erlebt, zu Hause durch kreative und alternative Lernwege individuell gefördert zu werden. Dadurch habe ich früh ein Vertrauen in meine eigenen Stärken entwickelt und meinen Weg entsprechend gestalten können. Mir ist bewusst, dass nicht jedes Kind diese Unterstützung im Rücken hat. Daraus ergibt sich für mich der Wunsch, Kinder in ihren Stärken zu fördern und sie darin zu bestärken. Ich möchte gemeinsam mit ihnen unterschiedliche Lernwege entdecken und für jedes Kind passende Zugänge zum Lernen finden. Mein Ziel ist es, Unterricht möglichst praxisnah und erfahrungsorientiert zu gestalten, um alle Kinder bestmöglich zu erreichen.“
Yannick Albers aus Viersen wird wie Emily Heuer Lehrkraft für Sonderpädagogik. Seit der siebten oder achten Klasse, so erzählt er, war für ihn klar, dass er Lehrer werden möchte. Nach seinem Freiwilligen Sozialen Jahr an einer Förderschule hatte sich der Entschluss zementiert. Er bezeichnet sich selbst als empathischen Menschen, der mit seiner „ruhigen Ausstrahlung“ auf die Schülerinnen und Schüler wirken möchte.
Viele neue Gesichter, viele neue Herangehensweisen, viele Wünsche, Erwartungen, Hoffnungen und Ziele. Mit ihren unterschiedlichen Interessen, Lebenserfahrungen, Impulsen, frischen Ideen und nicht immer stringenten Wegen in den Schuldienst „werden alle gebraucht an unseren Schulen“, meint Ministerin Feller und spricht dabei ausdrücklich alle etwa 3.400 beginnenden LAA in Nordrhein-Westfalen an: „Es sind diese und all Ihre Lebensgeschichten, die zukünftig unsere Schulen, aber vor allem auch die Berufs- und Teilhabechancen nachfolgender Generationen prägen werden.“
Kurze Zeit später durfte sie singen. Nahulan-David Antony Jeyakuma, einer der ZfsL-Musiker, hatte sein Keyboard verlassen und zog Töne anstimmend durch den Saal. Alle sollten das musikalische Quartett bei einem weiteren Songbeitrag begleiten. Den ersten Ton entlockte er der Schulministerin, danach stimmten die anderen Ehrengäste und LAA in diversen Tonlagen ein. Die ZfsL-Band sang „Ein Hoch auf uns“, das seit der Fußballweltmeisterschaft 2014 bekannte Lied von Andreas Bourani. „Hier geht jeder für jeden durchs Feuer, im Regen stehen wir niemals allein“, texteten Antony-Jeyakuma und die anderen und wiesen somit künstlerisch auf Weiteres hin, was im Vorbereitungsdienst wichtig werden wird: Zusammenhalt. Am Ende schickte Musiker Benedikt Diegmann ein großes Lob für den stimmlichen Einsatz und einen letzten verbalen Mutmacher durch den Saal: „Ein Hoch auf Euch!“
Autor: Frank Lehmkuhl