Eine Schülerin schaut sich Archivalien an

In Archiven über jüdisches Leben lernen

Wie lebten Jüdinnen und Juden in meinem Heimatort? Diesen und weiteren Fragen können Schülerinnen und Schüler im Kommunal- oder Kreisarchiv auf die Spur kommen.

[Schule NRW Extra-Ausgabe, Juli 2021]

Die historische Darstellung der jüdischen Bevölkerungsminderheit im 19. und 20. Jahrhundert ist in schulischen Lernangeboten oft wenig differenziert auf die Geschichte antisemitischer Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung jüdischer Menschen zwischen 1933 und 1945 ausgerichtet. Die wirkliche kulturelle und auch historische Bedeutung von Jüdinnen und Juden für das gesellschaftliche Leben wird in manchen Lernmitteln auf die Rolle von Opfern und gesellschaftlichen Außenseiterinnen und Außenseitern verkürzt. Auch wenn in vielen Schulbüchern inzwischen vermehrt Ego-Dokumente publiziert werden, in denen die Selbstwahrnehmung jüdischer Menschen in einer überwiegend nicht-jüdischen Gesellschaft für Schülerinnen und Schüler verstehbar und auch nachvollziehbar dargestellt werden, so sind die Zusammenstellungen von Quellen und Informationen häufig in Kontexte der Diskriminierung und Verfolgung eingebettet.

Die Auseinandersetzung mit der Verfolgung und Vernichtung des europäischen Judentums ist und bleibt ein unerlässlicher Bestandteil der historisch-politischen Bildung an unseren Schulen. Gleichwohl sollte das Lernen über die Shoah gerade auch durch Betrachtungen jüdischen Lebens vor und nach der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in seiner ganzen Vielfalt ergänzt werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass bei den Lernenden ausschließlich das Zerrbild einer homogenen Opfergruppe haften bleibt, welches sich im schlimmsten Fall prägend auch auf die Haltungen gegenüber Jüdinnen und Juden in der Gegenwartsgesellschaft auswirkt. Immer noch begegnet man auf deutschen Schulhöfen hartnäckig Worten wie „Du Jude!“ und „Du Opfer!“ als Beleidigungen, etwa als diffamierende Synonyme für „Schwache“, „Verlierer“ oder „Außenseiter“. Es ist von herausragender Bedeutung, zu einer multiperspektivischen Auseinandersetzung und Begegnung mit vergangener jüdischer Wirklichkeit zu kommen. Dazu gehört auch, die unter dem nationalsozialistischen Terror verfolgten Gruppen nicht nur als Opfer, sondern vor allem als Handelnde im gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Leben zu sehen und wertzuschätzen.

Gerade dieser neue Blick ist eine der wesentlichen Intentionen, die sich mit dem Festjahr „1.700 Jahre Jüdisches Leben“ verbinden. Es ist eine Erweiterung der Perspektiven auf Geschichte und Gegenwart jüdischer Gruppen: weg von einem eindimensionalen, nur auf Viktimisierung, Verfolgung und Sterben jüdischer Menschen gerichteten Blick, hin zu einer Betrachtung lebendiger jüdischer Kultur, Emanzipation und Diversität, zu einer Würdigung der komplexen Verflochtenheit jüdischen Lebens mit der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft.

Ideale Lernorte für eine Begegnung und Auseinandersetzung mit vergangenem jüdischem Leben sind die Archive in Nordrhein-Westfalen. Sie sind öffentliche Orte, an fast jedem Schulstandort verfügbar, und ihre Angebote stehen modellhaft für eine demokratische, partizipative Geschichts- und Erinnerungskultur. In Archiven wird greifbar, wie Überreste des Vergangenen ausgewählt, gesammelt, gedeutet und von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren immer wieder neu zu Geschichten zusammengefügt werden.

Zu lernen, dass „die Geschichte“ nicht ein für alle Mal in Stein gemeißelt ist, dass bzw. wie man selbst zum Autor und zur Autorin von Geschichten über die Vergangenheit werden kann, ist eine der wichtigsten demokratischen Erfahrungen überhaupt.

Kinder und Jugendliche, die sich im Kommunalarchiv ihres Heimatortes mit dem Leben ehemaliger jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger beschäftigen, eignen sich nicht nur wichtiges historisches Wissen an. Sie können dabei auch ihre Fähigkeit zur Empathie entwickeln. Empathie gegenüber einer Geschichte und Menschen, denen sie nie begegnet sind, deren Geschichte sie aber berühren und bewegen kann. Wissen allein aber immunisiert nicht gegen Überzeugungen, wonach die eigene Herkunft, Hautfarbe oder Religion dazu berechtigen, andere Menschen für weniger Wert zu halten. Beim Recherchieren und Rekonstruieren lokaler jüdischer Vergangenheit und Geschichten können die Lernenden selbst zu Erzählerinnen und Erzählern werden, die über den Alltag und auch das Besondere im Leben von Jüdinnen und Juden im eigenen Ort berichten.

Im Auftrag des nordrhein-westfälischen Schulministeriums und der Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe unterstützt das landesweite Programm „Bildungspartner NRW – Archiv und Schule“ Schulen bei der Zusammenarbeit mit den Archiven. Die Idee einer Bildungspartnerschaft ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Schulen und Archive verabreden in einer schriftlichen Kooperationsvereinbarung gemeinsame Ziele und Aktivitäten. Das außerschulische Lernen wird damit zu einem festen Bestandteil der schulischen Lernangebote.

Aus Anlass des Festjahres „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ entwickeln einige Kommunalarchive attraktive Lernangebote zur Lebenswirklichkeit jüdischer Menschen in den Jahren vor dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft und in der Zeit nach der Befreiung von Diktatur und antisemitischem Terror. Die Geschäftsstelle „Bildungspartner NRW“ und der Verein „321–2021: 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland e.V.“ unterstützen sie dabei.

Der Spielraum für die Lernangebote von Archiven ist groß und hängt natürlich im Einzelfall vom verfügbaren Archivgut des jeweiligen Kommunal- oder Kreisarchivs ab. Besonders geeignet erscheint jede Erschließung archivischer Quellen, die über die große soziale, kulturelle und ökonomische Vielfalt vergangenen jüdischen Lebens in den städtischen und ländlichen Regionen des heutigen Nordrhein-Westfalen Auskunft geben. Dazu gehören zum Beispiel Quellen, die eine Rekonstruktion der oft prekären Lebensumstände jüdischer Migrantinnen und Migranten aus Osteuropa in der Zeit auch vor und nach den Weltkriegen erlauben. Bezugnahmen auf jüdisches Leben in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg sucht man in den meisten Lernmitteln bis heute vergebens. Darum erscheint besonders die Recherche nach solchen Archivalien lohnend, die den Wiederaufbau jüdischer Gemeinden, Synagogen oder Institutionen in der Nachkriegszeit dokumentieren. Und in vielen Kommunalarchiven dürfte leicht fündig werden, wer dort mit der eigenen Lerngruppe nach Biografien jüdischer Menschen recherchiert.

Aus den archivierten Fragmenten jüdischen Lebens im örtlichen Vereins- und Kulturleben, im Sport, in der Bildung, im Handel oder in den politischen Institutionen lassen sich mal exemplarische, mal scheinbar untypische, mal auch Rätsel aufgebende Lebensläufe nachzeichnen. In jedem Fall kann ihre Rekonstruktion - auch mit Blick auf Gegenwart und Zukunft – zu einer offeneren und differenzierteren Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden in der Gesellschaft beitragen.

 

Beispielhafte Webangebote des Stadtarchivs Münster und der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen (in Kooperation mit dem Stadt- und Vestischen Archiv Recklinghausen):

https://www.stadt-muenster.de/archiv/service-angebote/archivalien-digital/juedische-geschichte

https://jg-recklinghausen.de/ueber-uns/

 

Autor: Andreas Weinhold, Bildungspartner NRW