Auf biografischer Spurensuche im Deutschen Bundestag
Das Konzentrationslager überlebt, als Bundestagsabgeordneter gewählt: Die wissenschaftlichen Dienste des Bundestags haben jüdische Biografien recherchiert und umfangreiches Material dazu erstellt. Es eignet sich auch für den Unterricht.
[Schule NRW 04-26]
Ein Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz saß im Deutschen Bundestag? Eine Fälschung an der Front sicherte das Überleben eines als Jude verfolgten, aber sechs Jahre in der Wehrmacht kämpfenden späteren Abgeordneten?
Dies sind nur zwei Beispiele heute weitgehend vergessener jüdischer Biografien in der parlamentarischen Gründergeneration. Die Wissenschaftlichen Dienste im Deutschen Bundestag haben sie unter der Überschrift „Jüdische Biografien in der parlamentarischen Gründergeneration nach 1945“ für eine Ausstellung recherchiert – und dazu pädagogisches Begleitmaterial erarbeitet. Es ermöglicht, Ausstellungsinhalte auch ohne Ausstellungsbesuch in den Unterricht für die Jahrgangsstufen 9 und 10 sowie die gymnasiale Oberstufe einzubinden.
Sie überlebten die Terrorherrschaft und glaubten an eine Zukunft in Deutschland – entschlossen, Verantwortung beim Aufbau einer stabilen Demokratie zu übernehmen: Im parlamentarischen Engagement dieser Bundestagsabgeordneten, die im Nationalsozialismus als Jüdinnen und Juden oder wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt worden waren, spiegeln sich die Widerstände einer Gesellschaft, die nach 1945 viel vom Krieg redete, aber wenig über persönliche Verstrickungen in die Diktatur. Es ist eine Geschichte von Widersprüchen, die gerade in dieser Ambivalenz aufschlussreich ist für den herausfordernden Weg einer Gesellschaft aus Tätern, Mitläufern und Opfern in die neue demokratische Ordnung.
Deutlich werden Handlungsspielräume und Zwangslagen historischer Akteure –anschaulich, abwechslungsreich und vielfältig anschlussfähig an die Themen der Rahmenlehrpläne. Über die teils abenteuerlichen Lebensgeschichten der Abgeordneten lassen sich u. a. Aspekte jüdischen Lebens, das Scheitern der ersten deutschen Demokratie, die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, der Kalten Krieg und die Anfänge der Bundesrepublik und DDR im Ost-West-Konflikt biografisch anregend vermitteln.
Die biografischen Zugänge ermöglichen eine differenzierte Auseinandersetzung mit komplexen historischen Zusammenhängen und fördern multiperspektivische sowie urteilsbildende Lernprozesse.
Alle Materialien und die ergänzenden umfangreichen digitalen Angebote mit Expertengesprächen, Interviews mit Angehörigen und Nachfahren sowie zahlreichen Originaltondokumenten können kostenfrei heruntergeladen werden unter: www.bundestag.de/zukunft
Rückfragen und Rückmeldungen gerne per Mail an: geschichte[at]bundestag.de (geschichte[at]bundestag[dot]de)