Die Teilnehmenden der Gedenkstättenfahrt treffen sich zu einer abendlichen Reflexionsrunde.

Das Erinnern lebendig halten – Gedenkstättenfahrten für Demokratie, Diversität und Dialog

Erinnern gegen das Vergessen: Das Alice-Salomon-Berufskolleg Bochum setzt sich mit einer schulweiten Erinnerungskultur und systemischen Gedenkstättenfahrten für die Wertebildung in der Schulgemeinschaft ein.

[Schule NRW 11-22]

Wie nehmen Schülerinnen und Schüler heute wahr, was vor über 70 Jahren in Deutschland geschah? Hat ihre eigene Lebenswelt noch Bezug zu diesem Teil unserer Geschichte? Und was ist mit denjenigen, die selbst Flucht und Krieg erlebt oder eine internationale Familiengeschichte haben? Können diese jungen Lernenden den politischen und gesellschaftlichen Konsens über die Verantwortung Deutschlands für seine Historie nachvollziehen?

Das Alice-Salomon-Berufskolleg (ASBK) hat sich auf den Weg gemacht, mit Gedenkstättenfahrten eine Kultur des Erinnerns gegen das Vergessen zu etablieren. Das Erinnern ist hierbei Anstoß, die Werte der Schule lebendig zu halten: Sich gegen Diskriminierung und Rassismus auszusprechen und sich für Diversität, Demokratie und kulturellen Dialog einzusetzen.

 

Von der Idee zur Planung

Die Idee der Gedenkstättenfahrten geht am Alice-Salomon-Berufskolleg auf einen Impuls der Schulleitung zurück und wurde über die Lehrerkonferenz in die Bildungsgangkonferenzen getragen. Viele Kolleginnen und Kollegen ließen sich spontan davon begeistern. Angesichts des aktuellen Weltgeschehens und wiederauflebenden, rückwärtsgewandten Denkmustern war es vielen ein Anliegen, das Leitbild der Schule für die Schülerinnen und Schüler erlebbar zu machen.

In den Bildungsgängen aus dem Bereich Gesundheit wurde der Unterricht in den Fächern um die Thematik des Holocaust fächerübergreifend ergänzt. Forschungsprojekte wurden entwickelt, Grafiken und Tabellen ausgewertet, Fachtexte erläutert und Werte, wie Toleranz und Verantwortung vor dem Hintergrund der beruflichen Historie (zum Beispiel Pflege im Nationalsozialismus) und der Praktikumseinsätze, in Einrichtungen des Gesundheitswesens analysiert. Parallel zur Arbeit an der curricularen und didaktisch-methodischen Ausgestaltung begann ein weiteres Team mit der konkreten Planung der ersten gemeinsamen Gedenkstättenfahrt nach Ausschwitz und Birkenau. Ziel war es, den Lernenden Gelegenheit zu geben, unterrichtliche Inhalte mit der realen Welt und erfahrbaren Geschichte in Beziehung zu bringen, die eigene Rolle in der Gesellschaft zu reflektieren und Schlüsse zu ziehen, die das eigene Verhalten nachhaltig prägen können.

An der ersten Gedenkstättenfahrt nach Polen nahmen 37 Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Bildungsgängen teil. Einige von ihnen hatten Fluchterfahrung und/oder besuchten die Klasse der Ausbildungsvorbereitung, andere kamen aus Ganztagsklassen und wollten den Haupt-, Realschulabschluss oder das Abitur erwerben. Und wieder andere absolvierten als Sozialassistentinnen beziehungsweise -assistenten eine schulische Ausbildung. Die Teilnahme war freiwillig und das Angebot richtete sich an verschiedene Bildungsgänge.

 

Vorbereitung

Zentral für die Planung und Durchführung der Fahrten ist die Unterstützung durch das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund (IBB), das auch die Fördermittel beantragt. Ohne Fördermittel wäre eine Durchführung der Fahrten für die Schülerinnen und Schüler nicht zu realisieren gewesen.

Bei dem durch das IBB organisierten Vorbereitungstreffen werden Ängste und Vorstellungen aufgegriffen, wichtige geschichtliche und geografische Hintergründe angesprochen und ein Grundwortschatz an polnischen Wörtern vermittelt. Bei diesem Treffen lernen sich alle Teilnehmenden auch zum ersten Mal kennen. Das Alice-Salomon-Berufskolleg fördert die Partizipation und Selbstbestimmung von Schülerinnen und Schülern, daher nehmen an Gedenkstättenfahrten nur Schülerinnen und Schüler teil, die auch ein wirkliches Interesse haben und sich psychisch und emotional stark genug fühlen, sich mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte auseinander zu setzen. Lernende zu sensibilisieren, aber nicht zu überfordern, oder sie gar zu (re-)traumatisieren, ist eine große Herausforderung bei diesen Fahrten.

 

Durchführung

Erste Eindrücke in Oświęcim werden über eine Stadtführung vermittelt, bei der den Teilnehmenden das jüdische Leben vor dem Holocaust nahegebracht wird. In den Folgetagen besichtigen die Schülerinnen und Schüler dann die Konzentrationslager in Auschwitz und Birkenau. Erst vor Ort wird für die Teilnehmenden begreifbar, wie groß und beklemmend der Komplex ist. Besonders schockierend sind nach Beschreibungen einiger Lernender die Räume in Auschwitz mit den Bergen an menschlichen Haaren, Koffern und Schuhen, die in ihrer Masse extrem bedrückend wirken und doch nur ein sehr kleiner Teil vom Ganzen sind. Dieser Ort hat eine besondere Wirkung auf viele Teilnehmende, sie werden plötzlich stiller und ihre Betroffenheit tritt deutlich zutage.

Nach den Eindrücken aus den Konzentrationslagern und der Beschäftigung mit einzelnen Biografien im Bildungszentrum sind die abendlichen Reflexionsrunden eine wichtige Möglichkeit, um Fragen zu stellen und die eigenen Gedanken und Gefühle auszusprechen. Die Gedenkstättenfahrten werden auf Wunsch der Schulleitung durch Mitglieder des Multiprofessionellen Teams (MPT) begleitet. Diese gewährleisten eine intensive sozialpädagogische Betreuung vor Ort. Zusätzliche Begleitpersonen werden auch vom IBB gestellt.

Bevor die Gruppe den Ort Oświęcim wieder verlässt, wird gemeinsam überlegt, wie man sich von der Gedenkstätte verabschieden will. Ein Satz auf den Gedenksteinen, in vielen Sprachen wiederholt, prägt sich den Lernenden ein:

„Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und eine Mahnung an die Menschheit.“

Die letzte Station der Fahrt ist ein Besuch der Stadt Krakau. Die zweitgrößte Stadt in Polen sorgt mit ihrem lebendigen Treiben am Hauptmarkt für ein Kontrastprogramm, das ganz bewusst die Tonlage und Stimmung für die Rückfahrt prägen soll. Die Vergangenheit soll die Teilnehmenden nicht wie ein dunkler Schatten verfolgen, sondern Impulsgeberin sein, das Leben zu feiern und Verantwortung zu übernehmen, dass sich Vergangenes nicht wiederholt.

 

Nachbereitung und Nachwirkung

Nach der Rückkehr aus Polen kommen die Lernenden in der Schule noch einmal zusammen. In Kleingruppen verarbeiten die Schülerinnen und Schüler ihre persönlichen Eindrücke in Texten, Bildern, Videos beziehungsweise Filmen. Jede Gruppe gestaltet eine Seite in einem Gedenkstättenbuch, das an die nächste Gruppe weitergereicht wird. Eine der wichtigsten Erfahrungen - so beschreiben es einzelne Lernende - sei es, dass sie durch den Besuch der Gedenkstätte in Auschwitz mutiger geworden seien, Verantwortung für ihre Mitmenschen zu übernehmen.

Die positive Rückmeldung der Teilnehmenden auf die Fahrt bestärkte das Organisationsteam, das einmal erarbeitete Programm alljährlich klassenübergreifend anzubieten.

 

Ausblick

Die gesammelten Erfahrungen haben das Alice-Salomon-BK darin bestärkt, das Konzept der Gedenkstättenfahrten auszuweiten und dabei auch für die diverse Schülerschaft am Berufskolleg anzupassen. Das Programm wird unter der Federführung des MPTs für die Lernenden mit Förderbedarf differenziert gestaltet. Hierbei soll die Anzahl an Führungen/Vorträgen zum Teil durch praktische Tätigkeit ersetzt werden, um einer kognitiven Überforderung entgegenzuwirken.

Auf diese Weise soll jedem Lernenden die Möglichkeit gegeben werden, Gedenkorte zu besuchen und sich damit auseinanderzusetzen. So plant die Fachkonferenz Politik aktuell auch Unterrichtsgänge zu Gedenkorten innerhalb Bochums und Umgebung in Kooperation mit dem IBB.

Inzwischen haben weitere Bochumer Berufskollegs Interesse signalisiert, das Konzept der Gedenkstättenfahrten zu übernehmen. Und es ist wichtig, dazu im fruchtbaren Austausch vor Ort zu sein, um das Konzept auch über die eigenen Schulmauern hinaus im Bochumer Berufskolleg-Verbund zu verstetigen.

 

Autorinnen und Autor: Michaela Gehring, Claudia Hagedorn, Johannes Kohtz-Cavlak, Carolin Ritter, Alice-Salomon-Berufskolleg Bochum

Das Alice-Salomon-Berufskolleg Bochum

Das Alice-Salomon-Berufskolleg bietet mehr als 25 unterschiedliche Bildungsgänge in den Bereichen Erziehung/Soziales, Sport, Körperpflege/Friseurwesen, Gesundheit, Ernährungs- und Versorgungsmanagement sowie Ausbildungsvorbereitung an. Die über 2.400 Schülerinnen und Schüler können an drei Standorten in Bochum verschiedene schulische Abschlüsse erwerben, wie den Hauptschulabschluss nach Klasse 9 oder 10, die Fachoberschulreife, die Fachhochschulreife oder die Allgemeine Hochschulreife in Verbindung mit einer Berufsausbildung zur Erzieherin/zum Erzieher oder mit einem speziellen Berufsbezug im Bereich Sport oder Gesundheit.

Weitere Informationen zur Schule unter: https://alice-salomon-berufskolleg.de

Zum Weiterlesen

  • Auf der Internetseite des ASBK finden sich von Lehrerkräften und Schülerinnen und Schülern gemeinsam erstellte Videos zu den Gedenkstättenfahrten: https://t1p.de/Gedenkstaettenfahrten
     
  • Internationales Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) Dortmund: Das IBB unterstützt Schulen bei der Beantragung von Fördergeldern, der Organisation und der Betreuung vor Ort von Gedenkstättenfahrten.
    https://ibb-d.org/de/ibb-dortmund