Die Glücksmomente in der Demokratie
Der diesjährige Hauptschultag des Schulministeriums in Essen stand ganz im Zeichen des Einsatzes für die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Deutschland. Eindrücke von einer Veranstaltung, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut und zu einer festen Tradition werden soll.
Von Frank Lehmkuhl
Manchmal ist es der gute alte Brief, der überraschende Entwicklungen einleitet. Es ist nicht lange her, dass sich Schüler der Gemeinschaftshauptschule Drimborn in Aachen unwohl fühlten, wenn sie auf die Schultoilette gingen. Also schickten sie ein handschriftlich verfasstes Schreiben mit dem Wunsch, Trennwände einzubauen, ans Schulamt. Eine Reaktion erwarteten die jungen Verfasser nicht, doch genau diese kam – und sie war äußerst positiv: Die Stadt kündigte Baumaßnahmen an. Wenig später standen die separierenden Teile und das Schamgefühl beim Besuch der stillen Örtchen verschwand. „Für uns und die Schule ist das toll“, bilanziert Linda Moussaoui, die Lehrerin der Schüler. Denn diese haben nicht nur eine umgebaute Toilette bekommen, sondern vor allem gemerkt, dass ihre Anliegen von Entscheidern ernstgenommen und gehört werden. Sie haben die Erfahrung gewonnen, dass Mitwirkung in einer Demokratie Früchte trägt.
Es sind diese kleinen Glücksmomente, die das Vertrauen in die parlamentarisch-demokratische Grundordnung stärken und dafür sorgen können, dass sich schon Schülerinnen und Schüler für diese Staatsform stark machen. Beim zweiten Hauptschultag, den das Schulministerium unter dem Titel „#Hauptsache Hauptschule 2.0“ in einem Tagungshotel im Essener Ruhr-Turm veranstaltete, standen genau solche Situationen im Mittelpunkt. Im Fachvortrag, einer Fotoausstellung, in Expertengesprächen und Präsentationen ging es um Demokratiebildung und um die zahlreichen Bedrohungen für Beteiligungsprozesse in der heutigen Zeit. Schulministerin Dorothee Feller zitierte in ihrer Rede zur Eröffnung des Hauptschultages einen Satz, der deutlich macht, wie sehr sich jeder Einsatz für freie Meinungsäußerungen, gegenseitigen Respekt und den Schutz von Minderheiten lohnt: „Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“
Viele solcher kleinen Dinge zum Schutz der Demokratie feierten die rund 500 Teilnehmenden in Fachgesprächen auf der Bühne, in Workshops und auf dem Markt der Möglichkeiten, der eine Fülle von Angeboten und Informationen vereinte. Landesinstitutionen wie das Schulministerium oder die „Qualitäts- und Unterstützungsagentur – Landesinstitut für Schule“ (QUA-LiS NRW) zeigten sich ebenso wie zahlreiche Schulen Nordrhein-Westfalens. Viele der Anwesenden füllten ausliegende Zettel aus, die mit dem Satzanfang „Demokratie an Schule ist für mich, wenn…“ begannen. Die Vervollständigungen dienten als Impulsgeber und Denkanstöße für Diskussionen. Musikalische Auflockerung brachte der Chor der Waldschule Kinderhaus in Münster. Er sang von friedlichen Zeiten, Wertschätzung und einer Welt, in der sich die Menschen wohlfühlen.
Wie sehr unsere Welt im Gegensatz zu diesem Ideal aktuell unter Druck steht, untermauerte Professor Dr. Andreas Petrik vom Institut für Politikwissenschaft der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, mit wissenschaftlichen Fakten. Links- und Rechtsterrorismus, in vielen Ländern verbreitet, stelle eine große Gefahr für die Demokratie dar. Junge Menschen seien empfänglich für lautstark vorgetragene und vorgegaukelte einfache Lösungsmuster, was eben auch bedeute, dass Schulen mit verstärkten und neuen Strategien demokratische Bildung gestalten müssten. Es brauche viele Anstrengungen, um „Schuldemokratie und Lehrerbildung“ wehrhaft zu machen, beispielsweise zu Toleranz ermunternde Schulleitungen, gemeinsame demokratische Rituale im Schulleben, „Experimente mit zunehmender parlamentarischer Partizipation von Klassenrat und Schulparlament mit schulrelevanten Entscheidungsfragen und eigenem Budget“ sowie Raum für partizipative Methoden wie „Zukunftswerkstätten, Projekte, Planspiele“.
Mir ist es immer wichtig, einerseits die Herausforderungen klar zu benennen und offen und ehrlich über realistische Lösungsansätze zu sprechen.
Schulministerin Dorothee Feller
Anschließend präsentierten die zum Hauptschultag gekommenen Schulen Ministerin Feller und Dr. Urban Mauer, Staatssekretär im Schulministerium, ihre Projekte. Einige Beispiele aus dem Schulkosmos: Die Schülerinnen und Schüler der Hans-Tilkowski-Schule aus Herne hatten sich in die „Nachrichtenrecherche: Fakten versus Fake News“ gestürzt. Die Städtische Katholische Hauptschule Marl und die Paul-Gerhard-Schule aus Oer-Erkenschwick gestalteten einen Stand zum Thema „Diskriminierung in der Hauptschule bekämpfen und Teil des Netzwerks 'Schule der Vielfalt' werden“. Und die Gemeinschaftshauptschule Stadtpark Lüdenscheid zeigte sich unter dem Motto „Wir (er-)leben Demokratie. Schülerstimmen gestalten Schule“. An vielen Stellen luden Bildergalerien zum Verweilen ein. So hatte die Städtische Katholische Hauptschule am Rhein aus Köln ihre „fotografischen Gedanken zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland“ aufgebaut. Jugendliche beeindruckten auf den Bildern mit klaren Botschaften zum Erhalt der Verfassung und zum Credo der Völkerverständigung. Unter anderem zu sehen: ein Schüler mit zahlreichen Landeswappen auf dem Rücken.
Ministerin Feller lobte all diese Initiativen und betonte, dass viele nordrhein-westfälische Schulen sich längst auf den Weg gemacht hätten, der Demokratie Kraft für die Zukunft mitzugeben: „Bei meinen zahlreichen Schulbesuchen und der Veranstaltungsreihe 'Ministerin im Dialog' erlebe ich trotz aller Herausforderungen auch zahlreiche Schulen, die schon seit Jahren ihre Schülerinnen und Schüler in ihren Demokratiekompetenzen fördern und Beteiligung und Mitbestimmung an ihrer Schule leben. Diese positiven Beispiele gehen bei all den Negativschlagzeilen häufig unter. Mir ist deshalb immer wichtig, einerseits die Herausforderungen klar zu benennen und offen und ehrlich über realistische Lösungsansätze zu sprechen, andererseits aber auch immer wieder darauf hinzuweisen, dass wir nicht bei null anfangen und viele Schulen bereits gute Ideen und Lösungsansätze haben.“
Eine dieser Schulen ist die Hauptschule an der Wächtlerstraße in Essen. Laura Taraf ist dort Schulsprecherin. Sie bezeichnet sich selbst als „selbstbewusst und mutig“. Kürzlich kamen zwei Schüler zu ihr, die einen Konflikt mit einer Lehrerin hatten und sich nicht trauten, ihre Schwierigkeiten gegenüber der Lehrkraft zu artikulieren. Laura begleitete die beiden, es kam zum Gespräch. Und zur Klärung. Unstimmigkeiten beseitigt. Wieder einer dieser kleinen Glücksmomente, die den Glauben an die Demokratie stärken.