Eine Junge mit Kippa schaut im Unterricht auf sein iPad

"Eine Laubhütte auf dem Schulhof"

Das Albert-Einstein-Gymnasium Düsseldorf ist das einzige jüdische Gymnasium in NRW und eins von nur drei in ganz Deutschland. Schule NRW sprach mit dem Schulleiter Michael Anger über das Themenjahr „1.700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“, Identität und Religion – und eine Laubhütte auf dem Schulhof.

[Schule NRW Extra-Ausgabe, Juli 2021]

Schule NRW: Das Albert-Einstein-Gymnasium ist die einzige weiterführende jüdische Schule in NRW und eins von insgesamt nur drei jüdischen Gymnasien deutschlandweit. Was heißt das konkret?

Michael Anger: Wir sind eine staatlich anerkannte Ersatzschule. Eine Ersatzschule in Trägerschaft der jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Auch wenn es sich so anhört, aber wir sind keine Religionsschule. Im Gegenteil: Wir sind eine Begegnungsschule. Rund 20 bis 25 Prozent unserer Schülerschaft ist nicht-jüdisch, wir haben auch Schülerinnen und Schüler mit islamischen Hintergrund. Unsere aktuell 215 Schülerinnen und Schüler kommen nicht nur aus Düsseldorf, sondern beispielsweise auch aus dem Kreis Mettmann. Noch sind wir im Aufbau, das heißt, bisher haben wir nur die Jahrgangsstufen 5 bis 9 und wachsen noch. 2024 wird bei uns der erste Jahrgang Abitur machen. Auch unsere Lehrerschaft ist bunt gemischt: Gut 60 Prozent unseres Kollegiums ist nicht-jüdisch.

Ein bisschen verstehe ich das Albert-Einstein-Gymnasium als Leuchtturmprojekt: Bei uns lernen und leben jüdische und nicht-jüdische Schülerinnen und Schüler zusammen. So entstehen Freundschaften. Ich glaube, wenn ich eine Zeitlang mit Jüdinnen und Juden auf die Schule gegangen bin, dann werde ich keine Antisemitin und kein Antisemit. Das ist das beste Präventionsprojekt, das man anbieten kann.

 

Was heißt es für die Schulkultur und die Schulorganisation, eine jüdische Schule zu sein? Wie muss ich mir Ihren Schulalltag vorstellen?

Portrait des Schulleiters Michael Anger
Schulleiter Michael Anger

Unsere Schülerinnen und Schüler werden mit Bussen abgeholt und zu uns gebracht. Der ganz normale Schulalltag beginnt mit einem Frühstück, das schon besonders ist. Die Kinder kommen ohne Essen zu uns in die Schule. Wir achten auf eine koschere Küche; es ist also nicht möglich, dass die Kinder und Jugendlichen ihr eigenes Essen mitbringen. Alles ist bei uns vorhanden. Wir haben eine Küche und einen Koch und alles wird frisch und koscher zubereitet.

Wenn die Kinder dann nach der 5. Stunde die Mittagspause haben, dann merkt man wirklich, dass bei uns etwas anders und sehr besonders ist: Sie gehen alle runter zur Mensa und die Jungs tragen ihre Kippa. Es gibt eine Reihe von Handwaschbecken, wo das rituelle Waschen vor dem Essen stattfindet. Sie haben da den Handwaschbecher und die Hand wird dreimal mit Wasser beschüttet. Der Becher hat zwei Griffe, damit die Hände rein bleiben, wenn sie übergossen wurden und dort steht das Gebet auf Hebräisch und auf Deutsch, was man zum Handwaschen spricht. Anschließend geht man an seinen Essensplatz. Es ist eingedeckt und dann wird gemeinsam gegessen. Es ist sehr laut, sehr lebendig, ähnlich wie Sie es aus der arabischen Welt kennen. Nach dem Essen wird gebetet. Und dieses Gebet ist auch nicht unbedingt still oder andächtig. Eine Schülerin oder ein Schüler stellt sich meist nach vorne, und betet laut vor, das ist eher ein Singsang. Ein sehr besonderer Moment.

Das Judentum kann man nicht nur als Religion begreifen, ganz im Gegenteil, das Kulturelle spielt im Judentum und bei uns in der Schule eine wahnsinnig wichtige Rolle. Es geht um Essensgewohnheiten, Feierlichkeiten, und all das kann an dieser Schule abgebildet werden. Das heißt, wenn ich ein jüdisches Kind bin, dann kann ich an diesem Ort meine Jüdischkeit weiter ausleben – auch im Jugend- oder Teenager-Alter. In der Mehrheitsgesellschaft ist dafür nicht immer der Platz, oder es ist mit Angst behaftet. Wir sind ein Schutzraum und bei uns können sich die Schülerinnen und Schüler frei bewegen. So wollen wir sicherstellen, dass die Jüdischkeit in der jungen Generation nicht ganz verloren geht.

 

Das Albert-Einstein-Gymnasium wirkt also auch ein wenig identitätsstiftend?

Ja, ich glaube, das ist fast der Dreh- und Angelpunkt der Schule: einen Raum zu geben, in dem die Kinder und Jugendlichen ihre Jüdischkeit leben und ausleben können. Es geht darum, die jüdische Identität weiter zu festigen und auch zu wissen, wenn ich erwachsen bin, was das für mich bedeutet, jüdisch zu sein. Da sind einerseits religiöse Aspekte wie das eben erwähnte Gebet nach dem Essen. Andererseits ist Ivrit, also Neu-Hebräisch, eine verpflichtende AG, auch der Religionsunterricht ist gesetzt. In der Oberstufe werden wir jetzt Hebräisch (Alt-Hebräisch) anbieten.

Die Vorstellung, dass die jüdischen Menschen, die bei uns jetzt ihre Kinder anmelden, zu Hause auch so religiös leben, ist genauso falsch, wie die, dass der „normale Christ“ zu Hause auch immer die Riten lebt. Bei unseren Kindern bedeutet das, dass vielleicht zu Hause keine koschere Umgebung vorhanden ist, man isst normal, vielleicht ohne Schweinefleisch, aber nicht zwangsläufig. Alles, was mit religiösem Wissen zu tun hat, wird nicht unbedingt von den Eltern mitgebracht. Deshalb ist es so wichtig, dass die Kinder weiter diesen Weg gehen und etwas mehr lernen, als ihre Eltern überhaupt wissen. Sonst werden die jüdischen Gemeinden – und das ist meine Befürchtung – in 30 Jahren zu klein werden.

 

Inwiefern folgen Sie dem jüdischen Festjahr? Und was hat das für Auswirkungen auf die Lehrpläne?

In den Lehrplänen ist das Thema Judentum noch mal anders abzubilden. In den schulinternen Lehrplänen schauen wir, wo wir das Thema Judentum einbringen können, egal ob jüdische Lyriker in Deutsch, Albert Einstein in Physik oder in Kunst Bilder von Marc Chagall. Solche Dinge sind uns auch im Bildungsbereich im engeren Sinne wichtig, damit die Schülerinnen und Schüler sehen, wir können auch mehr als Feste feiern und Kippa tragen.

Aber wir feiern auch gerne, viele Unterrichtsstunden stehen in diesem Kontext. Am Freitag machen wir den sogenannten Schulschabbat in den einzelnen Klassen in der Religions- oder Hebräischstunde. Da wird der Schabbat, der eigentlich erst abends anfängt, vorgezogen und pädagogisch durchgeführt. Ein Bäcker kommt vorgefahren und liefert Challot an, das ist ein Brotzopf. Manchmal kommt auch der Kantor vor den Feiertagen in die Schule und singt mit den Kindern Lieder, damit sie textsicher sind und bleiben.

Dann gibt es noch den Schulschabbat, wenn wirklich die ganze Schule in die Synagoge geht. Dort feiern wir dann mit den Klassen 5 und 6 mit Eltern und  Geschwistern erst den Gottesdienst und dann im großen Festsaal noch den Kabbalat-Schabbat, also das Essen danach. Das ist schon ein Ereignis!

Ob Chanukka, Tu Bischwat… das kommt hoffentlich alles wieder, wenn wir nach Corona wieder den normalen Modus haben. Zum Laubhüttenfest – Sukkot – wird eine Laubhütte auf dem Schulhof gebaut, und dann kann man auch darin zusammen essen. Man erlebt auf jeden Fall sehr viel.

 

Können Sie etwas dazu sagen, wie die Kinder und Jugendlichen ihre Jüdischkeit außerhalb der Schule leben? Wissen Sie etwas über die Freizeit? Wie sieht ihr Blick auf die sogenannte Mehrheitsgesellschaft aus?

Wir haben in der Schule einen hohen Sicherheitsstandard und natürlich gibt es auch Familien, die diesen Schutzraum wollen und sich auch in der Freizeit entsprechend verhalten. Wenn Sie bei uns die Kinder anschauen, die sehr religiös sind, fühlen sie sich wohl, aber auch die weniger religiösen jüdischen Kinder sind zufrieden. Ich kann ohne Probleme einen David-Stern an der Kette tragen. Sobald die Kinder das Gebäude verlassen, wird er aber ganz tief eingesteckt, weil ich in der Bahn oder auf dem Nachhauseweg dann eventuell ein Problem habe.

Die Freizeit ist eigentlich fast normal: Es gibt zum Beispiel den Fußballverein oder das Treffen mit Freunden, eigentlich alles das, was man einem „normalen“ Kind auch zutrauen würde. Auch nicht-jüdische Kinder treffen jüdische Kinder, wenn es die Entfernungen zulassen. Es gibt natürlich manche, die bleiben in ihrem festen jüdischen Setting. Der Musiklehrer ist aus dem jüdischen Setting, MAKKABI ist der Sportverein und eben nicht TUS Nord. Viele jüdische Kinder sind auch in der Freizeit sehr behütet, fast bewacht.

Uns ist aber auch wichtig, dass die jüdischen Eltern sich auch daran gewöhnen, die Kinder ein Stück loszulassen. Wir wollen die Kinder zu einer offenen Lebenshaltung erziehen.

Judentum hat sehr viel mit Kultur, hat sehr viel mit Fröhlichkeit, Offenheit, Feiern, ja Leiblichkeit zu tun. Wir versuchen das auch in der Gesellschaft sichtbar zu machen. Wir haben zum Beispiel eine tolle Chanukka-Party-Bahn gemacht – da sind wir dann auch in der Stadt präsent und leuchten etwas in die Stadtgesellschaft. Wir haben einen DJ organisiert, Fruchtcocktails gemixt, und die Kids sind zu Chanukka mit der Bahn durch Düsseldorf gefahren. Tolles Projekt.

Ich denke, es ist wichtig, dass Jüdinnen und Juden auch sagen, lasst uns nicht nur über „die Vergangenheit“ sprechen, sondern über das, was wir eigentlich machen und sind. Und wenn man sich darauf einlässt, auf diese ganze Vielfalt, ist das vielleicht für manchen ein Stück weit Folklore, die Bräuche sind ja nicht immer bekannt, aber es ist ein hochspannendes Unterfangen.

Wir wissen einfach zu wenig und dann entstehen die falschen Gedanken, Vorurteile oder auch erstmal eine abwehrende Reaktion. Mir ist auch wichtig, daran zu arbeiten.

 

Sie sind nicht nur eine jüdische Schule, sondern auch eine noch sehr neue und moderne Schule mit exzellenter technischer Ausstattung. Wie blicken Sie in die Zukunft? Was sind Ihre Pläne?

Vor allem ist es uns jetzt wichtig, die Oberstufe aufzubauen. Da hängt schon viel dran, mit der wahrscheinlich kleinsten Oberstufe weit und breit mit 42 Schülerinnen und Schülern. Der erste Abiturjahrgang wird dann im Jahr 2024 fertig, das habe ich ja schon erwähnt. Für mich ist es so: Die Schule ist im Moment noch in der Pubertät und jetzt wird sie mit der Oberstufe erwachsen.

Daneben ist die Dreizügigkeit ein großes Ziel!

Viel wichtiger ist aber zunächst ein Grundstück. Wir suchen jetzt händeringend ein Grundstück in Düsseldorf, was nicht leicht ist bei unseren Sicherheitsvorkehrungen.  Das ist ein ganz harter Faktor im Moment. Schön wäre eine Art Schulcampus. Dann könnten wir vielleicht auch ein Internat bauen und auch Schülerinnen und Schüler mit einem weiteren Weg aufnehmen. Köln hat zum Beispiel auch eine sehr große Gemeinde.

Beim Thema Digitalität sind wir schon sehr weit, das hat uns auch die Corona-Pandemie gezeigt. Alle Schülerinnen und Schüler sowie auch die Lehrkräfte sind mit iPads ausgestattet, und sowohl der Distanz- als auch der Wechselunterricht lief bei uns gut.

Aber als jüdische Schule wünsche ich mir natürlich, dass wir irgendwann genauso etabliert sind wie eine öffentliche Schule – und es nicht heißt, das ist das jüdische Gymnasium, sondern das Albert-Einstein-Gymnasium mit dem jüdischen Profil. Dann ist es Normalität geworden und gehört einfach mit dazu. Wenn wir dann noch eine richtig gute Schule sind und so wahrgenommen werden, haben wir unser Ziel erreicht.

 

Das Interview führten Carolin Thielking und Dr. Christoph Holzem, Ministerium für Schule und Bildung NRW.