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Erinnern, Vergegenwärtigen – eine gemeinsame Zukunft gestalten

Wir feiern das Festjahr "1.700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland". Schule NRW gibt den Leserinnen und Lesern Einblicke in vielfältige Initiativen und Projekte im Land. Ein Vorwort von Schul- und Bildungsministerin Yvonne Gebauer.

[Schule NRW Extra-Ausgabe, Juli 2021]

 

Liebe Leserinnen und Leser,

 

„Jede Person, mit der wir sprechen, ist angefüllt mit eigener Geschichte. Einer Geschichte, zu der wir niemals einen vollständigen Zugang haben werden. Und trotz dieses fehlenden Zugangs muss diese Geschichte, obwohl wir von ihr nicht wissen, immer mitgedacht werden.”

Die Schriftstellerin mit jüdischen Wurzeln Mirna Funk zeigt deutlich eines der wesentlichen Probleme unseres menschlichen Handelns auf. Wir kennen unsere Mitmenschen, ihr Leben, ihre persönliche Geschichte nie wirklich in all ihren Zusammenhängen. Wir wissen meist nur wenig über das persönliche, gesellschaftliche oder auch religiöse Leben, moralische Haltungen oder die kulturellen Wurzeln des Gegenübers.

Das Jahr 2021 ist für uns in Deutschland ein besonderes Jahr. Wir feiern 1.700 Jahre jüdisches Leben auf dem heutigen Gebiet Deutschlands. Im Dezember 321 erließ Kaiser Konstantin ein Edikt: Jüdische Menschen sollten in verantwortliche und damit auch politische Ämter einbezogen werden. Dieses Edikt ist ein Beleg dafür, dass es jüdisches Leben bereits seit der Spätantike auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands als einen selbstverständlichen Teil gesellschaftlichen Lebens gibt.

Gerade der Blick auf das jüdische Leben in Nordrhein-Westfalen und Deutschland vor 1933 zeigt aber auch, was durch den Nationalsozialismus unwiederbringlich zerstört wurde. Und es wird sehr deutlich, wie wichtig es ist, dass jeder von uns sich heute dafür einsetzt, jüdisches Leben zu schützen und zu stärken. Es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft und vor allem auch der Schulen, jüdisches Leben sichtbar werden zu lassen. Perspektiven und Lebenswelten von Jüdinnen und Juden facettenreich und innovativ in die Bildungsarbeit unserer Schulen einzubinden, ist ein wichtiges Ziel der Bildungspolitik des Landes. Wir wollen jüdisches Leben, Alltag, Geschichte, Kultur, Religion und Gegenwart für unsere Schülerinnen und Schüler erfahrbar machen. Damit folgen wir auch der gemeinsamen Erklärung des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2016, die klar und deutlich formuliert: „Die Geschichte des Judentums ist mehr als eine Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Opfergeschichte. Zur Entwicklung von Prosperität und Demokratie in Europa gehören die Leistungen von Jüdinnen und Juden in Unternehmertum, Wissenschaft, Politik und Kultur.“

In Deutschland leben rund 200.000 Menschen jüdischen Glaubens, bei uns in Nordrhein-Westfalen sind es gut 27.000. Sie bereichern unsere Gesellschaft mit ihrer Kultur und auch ihrer Geschichte. Diese wiederauflebende Kultur ist jedoch leider auch bedroht. Gerade die Ereignisse zu Beginn des Sommers in Israel und ihre Folgen zeigen, wie zerbrechlich das gemeinsame Leben in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft ist. Und leider nehmen auch hier in Deutschland antisemitische Tendenzen immer mehr zu, aus verschiedenen Richtungen. Deshalb ist es wichtig, eines klarzustellen: Für jegliche Form des Antisemitismus ist in unserer freiheitlich demokratischen Gesellschaft kein Platz. Alle Bürgerinnen und Bürger Deutschlands, ob schon immer oder lange hier zu Hause oder hier eine neue Heimat suchend, müssen anerkennen, dass die besondere Verpflichtung Deutschlands gegenüber dem Staat Israel zu den nicht hinterfragbaren Konstanten unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses zählt. Deshalb ist eine historisch-politische Bildungsarbeit von so großer Bedeutung – eine Bildungsarbeit, die Jugendliche zu einer reflektierten Erinnerungskultur befähigt. Es ist wichtig, eine eigene und auch kritische Haltung zu entwickeln, gerade in den gegenwärtigen Diskursen um Zugehörigkeit und Ausgrenzung. Solidarität und Zivilcourage, aber auch das Wissen und eine deutliche Positionierung sind heute notwendiger denn je.

Hier bieten unsere Schulen vielfältige Möglichkeiten, gemeinsames Leben zu gestalten und konkret gegen antisemitische Tendenzen vorzugehen. Das Ministerium für Schule und Bildung hat beispielsweise mit der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf eine Kooperationsvereinbarung zur „Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Antisemitismus in nordrhein-westfälischen Schulen“ geschlossen. Mit der „Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit – Beratung bei Rassismus und Antisemitismus“ (SABRA) in Trägerschaft der Jüdischen Gemeinde werden Schulen verstärkt beim Umgang mit Antisemitismus unterstützt. In dieser Ausgabe von Schule NRW möchten wir Ihnen die Arbeit der Servicestelle näherbringen.

Und wir möchten auch einen Beitrag dazu leisten, jüdisches Leben in unserer Gesellschaft neu kennenzulernen und die Arbeit der Schulen hierzu zu unterstützen. Jüdisches Leben findet dabei nicht nur in der Schule (Albert-Einstein-Gymnasium, Düsseldorf) statt, sondern beispielsweise auch im Sportverein. Der jüdische Sportverein MAKKABI bietet exzellente Sportförderung auch über die Religionsgrenze hinaus und zeigt eindrücklich, dass Sport verbindet.

Jüdische Wurzeln und Lebenslinien können auch in Zusammenarbeit mit Archiven nachgezeichnet und mit neuem Leben gefüllt werden. Bildungspartner NRW bieten ein vielfältiges Angebot über die Zusammenarbeit mit Archiven an. So kann Geschichte in der Gegenwart wieder lebendig werden.

Anlässlich des Festjahres hat sich der Verein „#2021JLID – Jüdisches Leben in Deutschland“ gegründet. Er möchte jüdisches Leben in Deutschland wieder sichtbar und erfahrbar machen und bietet ein vielfältiges Angebot von Veranstaltungen und Unterrichtsmaterialien.

Auch „Shalom Cologne“ leistet über das Jubiläumsjahr hinaus einen wichtigen Beitrag, das jüdische Leben in der eigenen Stadt kennenzulernen, in unterschiedlichen Angeboten für Unterricht, Geschichte und Gegenwart.

1.700 Jahre bedeuten nicht nur einen Blick zurück. Dieses besondere Jahr bietet die Möglichkeit, aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu blicken und von hier aus in eine lebendige gemeinsame Zukunft.

Shalom bedeutet nicht nur „Frieden“. Shalom bedeutet auch „in Freundschaft zusammenleben“. Das ist unser Auftrag – nicht nur in der Schule, sondern er gehört zu unserem Leben.

 

Yvonne Gebauer

Ministerin für Schule und Bildung

des Landes Nordrhein-Westfalen