Dachmarke Bildungsportal NRW
Eine junge Lehrerin arbeitet mit einer Schülerin und einem Schüler aus einer "Fit für mehr"-Klasse zusammen.

Fit für mehr: Passend. Praktisch. Punktgenau.

Das Berufskolleg in NRW ist integrativ und vermittelt Chancen.

Am Berufskolleg in NRW nehmen geflüchtete Jugendliche am Bildungsangebot „Fit für mehr“ teil. Sie erhalten dort eine passgenaue Beschulung mit dem Fokus auf Sprachförderung.

[Schule NRW 04-26]

Zum 17. März 2025 hat das Ministerium für Schule und Bildung Nordrhein-Westfalen den Erlass zum Bildungsangebot „Fit für mehr“ am Berufskolleg für schulpflichtige geflüchtete Jugendliche in der Sekundarstufe II überarbeitet. Ziel ist es, Sprachförderung und Beschulung für eine zunehmend heterogene Lerngruppe gezielter zu gestalten.

 

Ausgangslage: stark heterogene Lernvoraussetzungen

Seit 2017 hat sich die Situation geflüchteter Jugendlicher deutlich verändert. Viele 16- bis 18-Jährige, die an Berufskollegs aufgenommen werden, sind im lateinischen Schriftsystem nur gering alphabetisiert oder verfügen aufgrund langanhaltender Kriegssituationen in ihren Herkunftsstaaten über eine sehr geringe schulische Vorbildung. Gleichzeitig besuchen auch Jugendliche mit guter schulischer Vorbildung, denen vor allem die deutschen Sprachkenntnisse fehlen, dieselben Klassen. Diese starke Heterogenität erschwert es, alle Lernenden innerhalb von zwei Jahren gezielt zum Ersten Schulabschluss zu führen – trotz intensiver Sprachförderung.

 

Bildungsangebot „Fit für mehr“ und internationale Förderklasse: zwei eng verzahnte Sprachförderangebote

Am Berufskolleg stehen zwei zentrale Sprachförderangebote zur Verfügung:

  • das vorgelagerte Bildungsangebot „Fit für mehr“ (FFM)
  • die Internationale Förderklasse (IFK) innerhalb der APO-BK

FFM nimmt Jugendliche auch unterjährig auf, damit neu zugewanderte Geflüchtete zeitnah schulisch integriert werden können. Die IFK ist eine besondere Form der Ausbildungsvorbereitung in Vollzeit mit beruflicher Ausrichtung. Sie führt zum Ersten Schulabschluss, folgt den regulären Bildungsplänen des Bildungsgangs und verfügt über eine flexibilisierte Stundentafel. Dadurch können insbesondere im Fach Deutsch/Kommunikation sowie im Differenzierungsbereich zusätzliche Stunden für Sprachförderung genutzt werden, ohne die berufliche Orientierung zu vernachlässigen.

 

Stärkung von „Fit für mehr“

Die Neufassung des Erlasses erweitert und stärkt FFM für schulpflichtige geflüchtete Jugendliche, die eine besonders intensive sprachliche Erstförderung benötigen. Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 Jahren, die zu Beginn des Schuljahres kommen und

  • keine grundlegenden Lese- und Schreibkenntnisse besitzen,
  • nicht im lateinischen Schriftsystem alphabetisiert sind oder
  • keine oder nur geringe schulische Vorbildung mitbringen,

können zunächst in FFM aufgenommen werden, anstatt unmittelbar einer IFK zugewiesen zu werden. Die Förderung erfolgt auf Basis einer noch flexibleren Stundentafel als bisher. So können 15 bis 17 Wochenstunden im Fach Deutsch/Kommunikation erteilt werden, was einen klaren Fokus auf den Spracherwerb und damit auf schnellere Lernfortschritte ermöglicht.

Stichtag für eine Beschulung über ein Schuljahr hinaus in FFM ist der Beginn des zweiten Quartals eines Schuljahres, also der 1. November. Wer bis zum 31. Oktober in FFM aufgenommen wird, kann bis zum Ende des laufenden Schuljahres beschult werden. Wer danach eintritt, kann bis zu eindreiviertel Schuljahre in FFM gefördert werden. Unterjährig aufgenommene Jugendliche erhalten damit einen vollen Förderzyklus, ohne zeitliche Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.

Ein Wechsel in die Internationale Förderklasse ist jederzeit möglich, sobald absehbar ist, dass eine Schülerin oder ein Schüler dem Unterricht dort folgen kann. Durch die Durchlässigkeit ist eine individuellere Gestaltung der Bildungsbiographie möglich. Volljährig gewordene Lernende im Bildungsangebot FFM können ebenfalls in die IFK übergehen. Diese erweiterte Durchlässigkeit ermöglicht individuellere Bildungswege, reduziert die Heterogenität in der IFK und erhöht insgesamt die Chancen auf einen erfolgreichen Schulabschluss. Gleichzeitig werden Lehrkräfte im Bildungsgang durch geringere Spannweiten im Sprach- und Bildungsstand bei der Binnendifferenzierung entlastet.

 

Entscheidung vor Ort und flexible Organisation

Welche Jugendlichen zunächst in FFM oder in einer IFK gefördert werden, entscheiden die Berufskollegs vor Ort. Die Zuweisung erfolgt in der Regel nach einer Seiteneinstiegsberatung – häufig durch Kommunale Integrationszentren – über die untere Schulaufsicht. Das Berufskolleg kann dann prüfen, ob das Bildungsangebot „Fit für mehr“ als intensive sprachliche Erstförderung vorgeschaltet werden soll oder ob eine direkte Aufnahme in die IFK sinnvoll ist.

Je nach regionalen Gegebenheiten, organisatorischen Rahmenbedingungen und vorhandenen Alphabetisierungsangeboten des Schulträgers vor Ort besteht die Möglichkeit, FFM schulübergreifend zu organisieren. So können Ressourcen gebündelt und flexibel auf die konkrete Situation geflüchteter Jugendlicher in der Region reagiert werden.

 

Optionen für nicht mehr schulpflichtige junge Erwachsene

Nicht mehr schulpflichtige geflüchtete junge Erwachsene wurden seit 2017 zunächst ebenfalls in FFM aufgenommen, um kurzfristig eine Versorgungslücke zu schließen. Mittlerweile stehen ihnen jedoch andere Angebote offen, die stärker auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind und ihnen auch den Erwerb eines allgemeinbildenden Schulabschlusses ermöglichen. Besonders zu nennen sind hier die Weiterbildungskollegs in Nordrhein-Westfalen. Durch die Flexibilisierung der Aufnahmebedingungen seit dem 17. Dezember 2024 wurde der Zugang für weitere Zielgruppen geöffnet; die Schulleitung kann zum Beispiel auf die Erfüllung des üblichen Kriteriums einer mindestens zweijährigen Berufstätigkeit verzichten.

Zusätzlich können sich nicht mehr schulpflichtige Jugendliche und junge Erwachsene bei der Bundesagentur für Arbeit beraten lassen. Dort erhalten sie Informationen zu weiteren Anschlussperspektiven, etwa zum Besuch regulärer Integrationskurse oder zur Teilnahme an Maßnahmen wie dem „Förderzentrum“, bei denen schulische Bildungsgänge wie die Ausbildungsvorbereitung Teilzeit mit dem Erwerb eines Schulabschlusses verknüpft werden. Damit werden parallele Strukturen abgebaut, Rechtsklarheit geschaffen und Verwaltungsabläufe vereinfacht.

 

Unterstützung der Lehrkräfte am Berufskolleg

Dem Ministerium für Schule und Bildung ist es ein besonderes Anliegen, Lehrkräfte bei der unterrichtlichen Umsetzung der Sprachförderung systematisch zu unterstützen. Lehrkräfte erhalten fach- und bildungsgangbezogene Hinweise zur didaktisch-methodischen Gestaltung von Sprachbildung in allen Kompetenzbereichen. In regelmäßigen Abständen – etwa alle zwei Jahre – werden Sprachtagungen angeboten, zuletzt in digitaler Form mit einer großen Zahl an Teilnehmenden. Die dort vorgestellten Konzepte, Unterrichtsbeispiele und Methoden werden auf dem Portal „berufsbildung.nrw.de“ bereitgestellt.

Darüber hinaus stehen landesweite Fortbildungen zur Sprachförderung sowie Angebote der Fortbildungsreihe „Heterogenität am Berufskolleg“ bei den Bezirksregierungen zur Verfügung. Ergänzend sind weitere Unterrichtsmaterialien in Vorbereitung, die Sach- und Sprachlernen noch enger verbinden. Ziel ist es, Lehrkräfte in ihrer täglichen Arbeit in FFM- und IFK-Klassen zu stärken und eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Unterrichtskonzepte zur individuellen Sprachbildung zu unterstützen.

 

Die wichtigsten Neuerungen für Lehrkräfte im Überblick

  • Fokussierung der Beschulung am Berufskolleg auf in der Sekundarstufe II schulpflichtige Jugendliche.
  • Erweiterung der möglichen Beschulungszeit für Lernende mit besonders großem Sprachförderbedarf (z.B. Analphabetismus, Zweitschriftlernen, geringe Schulbildung) auf bis zu 3,5 Jahre, wenn FFM und IFK gemeinsam betrachtet werden.
  • Deutliche Aufwertung des Faches Deutsch/Kommunikation in der Stundentafel durch erhöhte Wochenstunden in FFM.
  • Ermöglichung eines flexiblen Übergangs zwischen FFM und IFK, abgestimmt auf das individuelle Sprachniveau.
  • Option einer schulübergreifenden Organisation von FFM-Klassen zur flexiblen Reaktion auf regionale Bedarfe.

 

Autoren: Barbara Kättnis und Stefan Nüchter, Ministerium für Schule und Bildung NRW