Eine junge Frau tröstet ein Mädchen, beide sitzen auf dem Boden, die eine hat den Arm um die andere gelegt.

Geflüchteten Kindern und Jugendlichen das Ankommen erleichtern

Lehrkräfte haben eine wichtige Funktion für geflüchtete Kinder und Jugendliche. Wie man mit Belastungreaktionen umgeht und Schutz- und Resilienzfaktoren stärkt, erklärt dieser Text. 

[Schule NRW 04-22]

Der Krieg in der Ukraine mit dem unfassbaren Leid für alle Einwohner des Landes und vor allem für die Kinder und Jugendlichen macht uns völlig fassungslos. Neben allen weltweiten positiven Solidaritäts- wie Unterstützungsbekundungen und der angelaufenen humanitären Unterstützung für die Geflüchteten werden die Erlebnisse der geflüchteten Menschen, die Betroffenheit, aber auch die entgegengebrachte Anteilnahme in die Schulgemeinschaften in Nordrhein-Westfalen hineingetragen.

Schulen sind nicht nur Lernorte, sondern Orte, in denen soziale Beziehungen intensiv gelebt werden. Lehrkräfte haben dabei eine wichtige stabilisierende Funktion auch für die geflüchteten Schülerinnen und Schüler.  

 

Akute Belastungsreaktionen auf das schreckliche Kriegsereignis

Das größte Problem der geflüchteten Familien wird die Sorge um die in der Ukraine verbliebenen Angehörigen sein und die Trauer um den Verlust von Menschen und Heimat. Einige Geflüchtete haben aber auch persönlich schreckliche Gewalt mit ansehen müssen. Solche Erfahrungen von Kriegs- und Fluchtereignissen und eventuelle Phantasien über weitere Eskalationsstufen können bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen aus den Kriegsgebieten zur Erschütterung des Grundvertrauens in die Sicherheit der Welt, zu einem Verlust des inneren Gleichgewichts und zu starken emotionalen Reaktionen führen. In der Folge können extrem starkes Stresserleben bei allen Betroffenen und sehr unterschiedliche psychische und physische akute Belastungsreaktionen entstehen, wie zum Beispiel starke Gefühle des Ausgeliefert- und Überwältigt-Seins, der Hilflosigkeit und der Angst. Es kann auch zu innerem Kontrollverlust, Ohnmachtserleben und „filmähnlichem“ Wiedererleben der Kriegs- und Fluchterfahrungen, zu Überaktivität, Antriebslosigkeit, sozialem Rückzug, Herzrasen, Schwindel, Kopf- oder Bauchschmerzen kommen.

Diese Phänomene sind ganz normale Reaktionen auf eine hoch belastende Erfahrung. In der Regel klingen die Symptome nach einigen Tagen oder Wochen wieder ab und führen nicht zwangsläufig zu langanhaltenden Beeinträchtigungen. Menschen haben in der Regel individuell gut ausgebildete Resilienz-beziehungsweise Schutzfaktoren, die ihnen helfen, mit schrecklichsten Ereignisse umzugehen.

 

Resilienz- und Schutzfaktoren von Kindern und Jugendlichen

Resilienz- beziehungsweise Schutzfaktoren tragen bei den meisten Betroffenen dazu bei, auch hoch belastende Ereignisse nach wenigen Wochen zu verarbeiten, in die eigene Biographie einzuordnen oder aus der aktiven Bewältigung des Erlebten sogar neue Selbstwirksamkeitserfahrung und auch Kraft zu schöpfen. Das Erleben einer belastenden langanhaltenden Situation bedeutet also nicht zwangsläufig, dass man deshalb auch traumatisiert ist. Eine adäquate psychoedukative Unterstützung in einem sicheren und geschützten Rahmen kann die Selbstheilungskräfte bei Betroffenen anregen, so dass das Erlebte in den meisten Fällen ohne weitere therapeutische Hilfen bewältigt werden kann. Bei rund einem Drittel der Betroffenen können Traumafolgestörungen entstehen, die aber erst vier bis sechs Wochen nach der psychischen Belastungssituation durch einen psychologischen Psychotherapeuten oder anderes Fachpersonal diagnostiziert werden können.

Unter Resilienz werden verschiedene Faktoren zusammengefasst, die die Widerstandsfähigkeit gegen extreme Belastung, langanhaltendes Stresserleben und kritische Lebensereignisse steigern, und zwar sowohl bei Trauererleben als auch traumatisierenden Erfahrungen. Im weiteren Sinn handelt es sich hierbei um ein ganzes Bündel von persönlichen Haltungen und Fähigkeiten, die sich an individuellen Stärken und Ressourcen orientieren und so das beschädigte Sicherheitsgefühl heilen helfen können.

Als förderlich für den Aufbau von Resilienz im schulischen Kontext werden hier drei verschiedene Faktoren „Beziehung, Optimismus und Bildung“ angesehen:

  • eine vertrauensvolle bindungsfähige Bezugsperson. Das sind unter anderem diejenigen Lehrkräfte, die Kinder und Jugendliche in ihrem Selbstwirksamkeitserleben unterstützen, indem sie ihnen altersangemessene Verantwortung übertragen, und ihnen etwas zutrauen;
  • Bezugspersonen, die sich durch Optimismus, Flexibilität, Verlässlichkeit auszeichnen;
  • gemeinsame positive (Lern-)Erfahrungen und Bildung.

 

Es geht demnach insbesondere um authentische Ansprechpersonen. Für eine hilfreiche Begleitung brauchen die Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine einfühlsame, aufmerksame und zugewandte Menschen, die die drei Faktoren „Zeit, Zuwendung und Zutrauen“ beherzigen. Dies geschieht indem sie:

  • die Kinder und Jugendliche freundlich willkommen heißen, einfühlsam sind und sie in ihrer Verängstigung ernst nehmen;
  • Verständnis zeigen und Geduld mit ihnen haben;
  • positive Modelle entwickeln und gute Vorbilder sind; das heißt authentisch, aufrichtig und ehrlich in der Interaktion sind, und damit Orientierung, Stabilität und Kontinuität vermitteln;
  • emotionalen Ausdruck zulassen und ermöglichen, Raum geben, zu weinen, zu lachen, wütend zu sein;
  • für die betroffenen Kinder und Jugendlichen Aktivität, Sport, Gesellschaft und Ablenkung ermöglichen;
  • auf Stabilität, Routinen und feste Rituale achten (dies vermittelt Normalität, vor allem, wenn sich die Familie in der häuslichen Situation neu organisieren muss);
  •  Zuversicht vermitteln und ihren Humor behalten.

 

Fazit

Der anhaltende Krieg in der Ukraine mit all seinen schrecklichen Erfahrungen kann zu massiven Erschütterung des eigenen Grundvertrauens führen. Wenn es uns jedoch gelingt, über die oben genannten und nachfolgenden handlungspraktischen Empfehlungen die Resilienz- oder Schutzfaktoren der unmittelbar betroffenen Schülerinnen und Schüler zu aktivieren, dann helfen wir ihnen, diese die aktuellen Kriegsereignisse zumindest ansatzweise zu verarbeiten und in ihren Auswirkungen zu lindern. 

Folgende Hinweise können Lehrkräften dabei helfen, Kinder und Jugendliche aus der Ukraine emotional zu unterstützen:

  • Sicherheitsgefühl vermitteln“ (nonverbal oder in Englisch, manchmal auch einfach mit „Händen und Füßen“): Ihr seid willkommen!
  • „Stoßen Sie die Resilienz- und Schutzfaktoren an!“: Kleine Impulse bewirken Großes – „In Watte packen“ ist keine Lösung.
  • „Nehmen Sie sich Zeit, hören Sie zu und kümmern Sie sich…“: Jeder will ernst genommen werden mit seinen Nöten und Sorgen.
  • „Der gewohnte Alltag ist wichtig!“ Geben Sie ihm eine klare, verlässliche Struktur.
  • „Regen Sie Kinder und Jugendliche zu Aktivitäten an“. Sport und Entspannung sind wichtig.

 

Flächendeckend ist in allen Schulpsychologischen Beratungseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen Expertise im Bereich des Schulpsychologischen Krisenmanagements abrufbar. Hier kann Unterstützung beispielsweise im Umgang mit psychoreaktiven Belastungen, traumatischen Erfahrungen, Verlust, Tod und Trauer, aber vor allem auch im Bereich der Psychoedukation unter Einbeziehung von Resilienzfaktoren von Schulen jederzeit bei Bedarf abgerufen werden. Die für Sie zuständige Schulpsychologische Beratungseinrichtung auf Ebene Ihres Kreises,  Ihrer kreisfreien Stadt und weitere zusätzliche Informationen erhalten Sie unter: www.schulpsychologie.nrw.de.

Dort finden Sie ebenfalls eine genauere Erklärung der weiteren psychoedukativen Empfehlungen, die hier nur angerissen wurden, ausführliche Literatur und systemische schulpsychologische Unterstützungsangebote wie z.B. Briefings für gesamte Kollegien.

 

Autor: Michael Berens, Landesstelle Schulpsychologie und Schulpsychologisches Krisenmanagement (LaSP)