„Ich habe auch viel Glück gehabt“
Er ist wahrscheinlich eines der größten deutschen Mathe-Talente: Clemens Böke aus Löhne in Ostwestfalen. Der 18-Jährige gewann jüngst bei der Internationalen Mathematik-Olympiade in Shanghai eine Silbermedaille. Hier erzählt der frischgebackene Abiturient, was er in China erlebt hat, wie sehr ihm die anderen Teilnehmer aus dem deutschen Team ans Herz gewachsen sind, warum der Erfolg manchmal an einem einzigen Pünktchen hängt und wie ihm das Puzzeln auf seinem Weg zum Mathe-Ass geholfen hat.
Frage: Sie sind gerade zurückgekommen aus China – hochdekoriert mit Silber. Schweben Sie in diesen Tagen beschwingt durch Ihre ostwestfälische Heimat?
Clemens Böke: Nein, nein, ich sehe das eher nüchtern. Und ich kann das gut einschätzen, ich habe auch viel Glück gehabt. Hätte ich einen Punkt weniger bekommen, wäre es keine Silbermedaille geworden.
Frage: Das klingt sehr bescheiden.
Clemens Böke: Ich meine das so: Wir waren mit unserem sechsköpfigen deutschen Team auf dem Gelände der High School Shanghai untergebracht, und ich habe mir mit Grigorii Kukanov aus München ein Zimmer geteilt. Er hat genau einen Punkt weniger gehabt als ich und kein Silber gewonnen. Er hat Pech gehabt. Da fühlt man mit dem anderen mit.
Frage: Das hört sich nach einem großen Zusammenhalt zwischen den Mathe-Talenten an.
Clemens Böke: Ja, den gibt es. Wir haben uns im Zuge der nationalen Auswahlverfahren, die immer von Januar/Februar bis Mai eines Jahres dauern, in den vergangenen Jahren oft getroffen, auch bei Wochenend- und Wochenseminaren. Es sind Freundschaften entstanden, die anderen sind mir ans Herz gewachsen.
Frage: Der Aufenthalt in Shanghai dauerte sieben Tage. Es war Ihre zweite Internationale Mathematik-Olympiade, auch in Australien waren Sie schon dabei. Wie muss man sich eine solche Veranstaltung vorstellen?
Clemens Böke: Es ist ein bisschen so wie das, was man von den Olympischen Spielen im Sport – zumindest aus den Medien –kennt. Wir sind zusammen untergebracht, essen zusammen, unternehmen viele Dinge gemeinsam. Die Wettbewerbe finden auf einem Campus statt, der mit Fahnen mit dem Veranstaltungslogo dekoriert ist. Es gibt eine Eröffnungsfeier und eine Schlusszeremonie.
Frage: Was passiert bei den Feierlichkeiten?
Clemens Böke: Bei der Eröffnungsfeier hielten der Vizebürgermeister aus Shanghai sowie Repräsentanten des chinesischen Organisationskomitees und des chinesischen Bildungsministeriums Reden. Es war sehr stimmungsvoll – mit Tänzen und Gesängen, inspiriert von der chinesischen Kultur. Und wir sind mit einer deutschen Flagge eingelaufen, auch das ähnlich wie bei den Olympischen Spielen. Zur Schlusszeremonie mit ebenfalls kulturell motivierten Beiträgen durften wir über einen roten Teppich einlaufen.
Frage: Im Mittelpunkt standen aber die Prüfungen. Wie sehen die aus?
Clemens Böke: Man schreibt an zwei Tagen zwei Klausuren, jeweils viereinhalb Stunden lang. Es gibt jeweils drei Aufgaben, die aus den vier Themengebieten Geometrie, Kombinatorik, Algebra und Zahlentheorie stammen.
Frage: Nicht jeder ist ein Mathe-Ass – können Sie einige Aufgaben näher beschreiben?
Clemens Böke: Das chinesische Organisationskomitee hatte eine Shortlist mit 30 Aufgaben zusammengestellt. Aus diesem Pool wurden mit Hilfe der nationalen Koordinatoren, zu denen für Deutschland der Flensburger Mathematik-Professor Uwe Leck zählt, letztlich sechs Aufgaben für die Klausuren ausgewählt. Beispielsweise ging es in der Geometrie um eine Konstruktion mit bestimmten Eigenschaften. Wir mussten zeigen, dass für die gleiche Konstruktion auch noch andere Eigenschaften gelten. In der Kombinatorik durften wir uns mit Spielen beschäftigen. Es ging um Spielzüge, deren Möglichkeiten alle Spieler im Vorhinein kennen – und es galt, andere Spielzüge zu berechnen und Stellungen zu finden, die Spieler erzwingen können. In der Algebra behandelten wir Funktionen und Ungleichungen.
Frage: Wie und wann haben Sie gemerkt, dass Sie besondere Fähigkeiten in Mathematik auszeichnen?
Clemens Böke: Ich hatte schon im Kindesalter eine besondere Begabung für mathematische Problemstellungen und ein großes Interesse an Logik, Knobeln und Zahlen. Dies wurde beispielsweise darin deutlich, dass ich Puzzle auf links gemacht und also mit der Rückseite nach oben zusammengesetzt habe oder leidenschaftlich an Schulmathematik aus höheren Stufen interessiert war. Dies wurde auch sehr stark von meinen Lehrern gefördert, denen ich dafür sehr dankbar bin. Meine Eltern unterstützten mich immer auf meinem bisherigen Weg.
Frage: Sie sprachen eben bereits von der besonderen Verbindung zu den anderen Teilnehmern aus der deutschen Mannschaft. Bleibt dieser Draht bestehen?
Clemens Böke: Da bin ich mir sicher. Wir haben bereits weiteren Treffen zugesagt. Wir haben uns ja schließlich unter anderem bei verschiedenen Veranstaltungen neben den Klausuren in China gut kennenlernen können.
Frage: Was haben Sie dort alles im Verbund unternommen?
Clemens Böke: Es gab viele Angebote. Zum Beispiel konnten wir chinesische Kampfkünste erlernen, schwimmen gehen, Schlittschuhlaufen oder Brettspiele machen. Wir haben auch das Disneyland besucht und einen beeindruckenden Botanischen Garten, den „Greenhouse Garden“. Wir sind gemeinsam zum Shanghai Tower gefahren, dem drittgrößten Gebäude der Welt, um von dort Shanghai aus 550 Metern Höhe zu betrachten. Nur eine Fahrt mit einer Fähre auf dem Huangpu-Fluss musste wegen eines Gewitters ausfallen. Insgesamt sind 600 bis 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei einer solchen Olympiade. Da ist auch der Zusammenhalt zwischen den Nationen groß.
Frage: Sie haben gerade Ihr Abitur gemacht. Wie geht es nun weiter?
Clemens Böke: Ich werde in Bonn Mathematik studieren.
Frage: Mit welchem Ziel geht jemand mit einem besonderen Talent für dieses Fach in ein solches Studium?
Clemens Böke: Ich mache mir zurzeit keinen Druck. Vielmehr freue mich darauf, noch andere Bereiche der Mathematik kennenzulernen und hoffe, dass sich Türen öffnen werden, von deren Existenz ich im Moment noch nichts weiß.
Das Interview führte Frank Lehmkuhl, Ministerium für Schule und Bildung Nordrhein-Westfalen