Junge sitzt vor einem Laptop am Schreibtisch

Impulspapier II: Zentrale Entwicklungsbereiche des Lernens in der digitalen Welt

Mit den vier zentralen Entwicklungsbereichen werden Schulen konkrete Impulse und Leitideen für nächste mögliche Entwicklungsschritte zur Gestaltung des Lernens in der digitalen Welt zur Verfügung gestellt. Sie sind sie als Anregungen und als Angebot zu verstehen, aus dem jede Schule für sich passende Entwicklungsaufgaben für die eigene schulische Arbeit ableiten kann.

Digitalisierung als gesellschaftlicher und kultureller Wandel beeinflusst alle Lebens- und Arbeitsbereiche, die Kommunikationsprozesse, die Handlungsmöglichkeiten und die Wahrnehmung der Welt. Dies führt zu sich verändernden Lebens- und Arbeitswirklichkeiten aller am Schulleben Beteiligten und wirkt sich auch auf das Bild und das Selbstverständnis von Schule sowie die schulischen Bildungs-, Erziehungs- und (unterrichtlichen) Lehr- und Lernprozesse aus. Vor diesem Hintergrund ergibt sich für Schulen und Lehrkräfte die Frage nach aktuellen und zukünftigen zentralen Entwicklungsbereichen für das Lernen in der digitalen Welt.

Mit dem vorliegenden Impulspapier II werden vier zentrale Entwicklungsbereiche für die schulische Arbeit und die Weiterentwicklung von Unterricht bzw. schulischen Lehr- und Lernprozessen in der digitalen Welt fokussiert. Den Schulen werden hiermit konkrete Hinweise zur didaktischen Gestaltung und Entwicklung des Lernens in der digitalen Welt gegeben.

Dieses zweite Impulspapier knüpft an das im Sommer 2020 vorgelegte Impulspapier zum „Lernen auf Distanz“, mit dem Hinweise zur didaktischen Gestaltung zum Distanzunterricht gegeben wurden, und an die Handreichungen zur lernförderlichen bzw. chancengerechten Verknüpfung von Präsenz- und Distanzunterricht an, indem nun Impulse für darüber hinausgehende Entwicklungen des Lernens in der digitalen Welt gegeben werden. An vielen Schulen haben sich bereits auf der Grundlage des ersten Impulspapiers und der Handreichungen Unterrichts- und Schulentwicklungsvorhaben ergeben, die richtungs- und zukunftsweisend sind und an die mit den Inhalten des vorliegenden Impulspapiers II angeknüpft werden kann.

Die hier beschriebenen zentralen Entwicklungsbereiche sollen in den Schulen den Klärungs- und Entwicklungsprozess hin zu zeitgemäßer und zukunftsfähiger Bildung unterstützen. Damit dient dieses zweite Impulspapier – auch anknüpfend an das KMK-Ergänzungspapier zur Strategie der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt“ zum Lehren und Lernen in der digitalen Welt (2021) – sowohl als impulsgebende Anregung als auch als Leitfaden zur Reflexion von digitalisierungsbezogenen Schul- und Unterrichtsentwicklungsprozessen. Es gilt, die Dynamiken einer sich kontinuierlich verändernden Welt für schulische Entwicklungen aufzugreifen und aktiv zu gestalten.

In diesem Sinne soll das hier vorgelegte Impulspapier als Diskussionsgrundlage zur Formulierung und Ausdifferenzierung eigener schulischer Zielperspektiven und Zukunftsbilder des Lernens in der digitalen Welt dienen, auch unter Berücksichtigung bisheriger Erfahrungen und Entwicklungen in den Schulen sowie landesweit gültiger Grundlagen, insbesondere den schulgesetzlichen Regelungen sowie weiteren schulrechtlichen Vorgaben (z.B. AO-SF), den Richtlinien und Lehr- bzw. Bildungsplänen, dem Medienkompetenzrahmen NRW, der Handreichung zur Integration digitaler Schlüsselkompetenzen in die Berufliche Bildung, dem Referenzrahmen Schulqualität NRW sowie dem NRW-Orientierungsrahmen „Lehrkräfte in der digitalisierten Welt“. Alle vier im Folgenden formulierten zentralen Entwicklungsbereiche sind dabei mit Leitideen im Sinne inhaltlicher Impulse konkretisiert und folgen dem Leitbild demokratischer Schulkultur und partizipativer Schulentwicklung.

Ausgangspunkt aller Entwicklungsprozesse ist für Schulen die Erarbeitung und kontinuierliche Weiterentwicklung eines gemeinsamen Verständnisses des Lernens in der digitalen Welt. Dieses soll die veränderten Lebens- und Arbeitswirklichkeiten der Schülerinnen und Schüler aufgreifen und die Grundlage dafür bilden, schulisches Lernen in der digitalen Welt in gesellschaftlicher Verantwortung aktiv zu gestalten. Ein solch partizipativ angelegter Klärungsprozess, der auch eine Bestandsaufnahme der verschiedenen Perspektiven auf das Lernen in der digitalen Welt und damit eine (erste) Vereinbarung eines gemeinsam geteilten Zukunftsbildes umfasst, geht der Entwicklungsarbeit in den vier im Folgenden ausgeführten gleichwertigen Entwicklungsbereichen voran.

Das vorliegende Impulspapier soll Schulen und Lehrkräfte dabei unterstützen – anknüpfend an das pädagogische Leitbild der einzelnen Schule – ein gemeinsam geteiltes Zukunftsbild zeitgemäßen und chancengerechten Lernens in der digitalen Welt zu formulieren. Dieses soll für die konkrete Arbeit der Schule und der Lehrkräfte grundgelegt werden und ist, den sich kontinuierlich verändernden gesellschaftlichen, beruflichen, pädagogischen und technologischen Entwicklungen Rechnung tragend, stetig anzupassen.

Die Auswahl der hier im Impulspapier II beschriebenen Entwicklungsbereiche ist vor dem Hintergrund der Dynamik der Prozesse und der Unterschiedlichkeit der Voraussetzungen, Entwicklungsstände und Entwicklungsziele der Schulen in Nordrhein-Westfalen als nicht abschließend zu verstehen. Sie bilden vielmehr einen Ausgangspunkt für zentrale Felder des Lernens in der digitalen Welt ab, die es kontinuierlich zu entwickeln und zu erweitern gilt. Mit einem zentralen Webangebot des Ministeriums für Schule und Bildung zum Lehren und Lernen in der digitalen Welt werden daher künftig Ausdifferenzierungen und Unterstützungsmaterialien für Schulen zu den hier vorgestellten und auch zu weiteren Entwicklungsbereichen der digitalisierungsbezogenen Schul- und Unterrichtsentwicklung angeboten und kontinuierlich ergänzt.

Die vier zentralen Entwicklungsbereiche des Lernens in der digitalen Welt

Tabellarische Darstellung der "Zentralen Entwicklungsschritte für das Lernen in der digitalen Welt"
© MSB NRW

Mit den nachfolgend beschriebenen vier zentralen Entwicklungsbereichen werden Schulen, Lehrkräften und allen am Schulleben Beteiligten konkrete Impulse und Leitideen für nächste mögliche Entwicklungsschritte zur Gestaltung des Lernens in der digitalen Welt zur Verfügung gestellt. Diese erheben nicht den Anspruch, für alle Schulen mit derselben Schwerpunktsetzung in gleicher Weise Wirkung entfalten zu können und beschreiben keine lineare Abfolge. Vielmehr sind sie als Anregungen und als Angebot zu verstehen, aus dem jede Schule für sich passende Entwicklungsaufgaben für die eigene schulische Arbeit ableiten kann. Ziel­führend – und daher ausdrücklich wünschenswert – sind in diesem Prozess auf die eigene Schule bezogene Fokussierungen, die den passenden nächsten Entwicklungsschritt im ­Kontext des Lernens in der digitalen Welt definieren.

Die im Folgenden ausgeführten zentralen Entwicklungsbereiche sind nicht unverbunden zu betrachten, sondern bedingen sich gegenseitig. Ausgangspunkt ist das gemeinsam geteilte Verständnis des Lernens in der digitalen Welt. Wirksamkeit entfalten die Entwicklungsbereiche vor allem dann, wenn sie übergreifend betrachtet in den Gesamtkontext der Arbeit der eigenen Schule gestellt werden und dabei die Entwicklung und das Lernen der Schülerinnen und Schüler in das Zentrum aller Überlegungen und Prozesse stellen.

Die Gestaltung, Umsetzung und stetige Weiterentwicklung des Lernens in der digitalen Welt ist als Querschnittsaufgabe von Schul- und Unterrichtsentwicklung zu verstehen. Sie stellt sich damit als gemeinsame Aufgabe der gesamten Schule und somit aller am Schulleben Beteiligten, insbesondere der Schulleitung, der Lehrkräfte, der Eltern, der Lernortpartner und des erweiterten pädagogischen Personals, dar. Sie berücksichtigt dabei insbesondere die Perspektive der Schülerinnen und Schüler, die gemäß ihrer Entwicklung an diesen Prozessen beteiligt werden sollen. Die gemeinsame Weiterentwicklung bedarf eines kontinuierlichen und konzeptionell verankerten Kommunikationsprozesses und Austausches sowie eines transparenten Informationsflusses – auch unter Nutzung erweiterter digitaler Möglichkeiten. Die Entwicklung einer schuleigenen Schul- und Unterrichtskultur in der digitalen Welt kann dann gelingen, wenn sie als Innovationsprozess verstanden wird, für den gemeinschaftlich Verantwortung übernommen wird. Die Schulleitung, auch im Sinne der erweiterten Schulleitung, übernimmt dabei eine aktive und steuernde Rolle. Sie unterstützt das Kollegium sowie alle an dem hier beschriebenen Entwicklungsprozess beteiligten schulischen Akteurinnen und Akteure und fördert Team- und Vernetzungsstrukturen.

Zentrale Leitideen und inhaltliche Impulse

Die in gemeinsamer Verantwortung gestaltete Umsetzung und stetige Weiterentwicklung des schulischen Zukunftsbildes digitalen Lernens umfasst u.a.:

  • Partizipative Entwicklung eines Zukunftsbildes: Alle am Schulleben Beteiligten entwickeln eine gemeinsam geteilte Vorstellung von Schule und Lernen in einer digitalen Welt, an der sich aktuelle und zukünftige Entwicklungsprozesse der eigenen Schule ausrichten. Dieses Zukunftsbild wird – auch im Rahmen der Schulprogrammarbeit – stetig weiterentwickelt.
  • Einbezug von Expertisen und Perspektiven: Die gesamte Schulgemeinschaft wird in die Entwicklung des Lernens in der digitalen Welt an der eigenen Schule einbezogen. Die Erfahrungen und Expertisen der Lehrkräfte, der Eltern, der Schülerinnen und Schüler, der Medienscouts, der Digitalisierungsbeauftragten sowie der außerschulischen Partnerinnen und Partner und Lernortpartner werden dabei gezielt systematisch eingebunden und wertgeschätzt. Auf die Beratung durch die Medienberaterinnen und Medienberater in der Region wird zurückgegriffen.
  • Gemeinsame Prozessgestaltung: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken bilden die Grundpfeiler der gemeinsamen Prozessgestaltung: Dabei ist immer das gesamte Kollegium in den Prozess eingebunden – Teambildung, professionelle Lerngemeinschaften, Fachkonferenzen bzw. Bildungsgangkonferenzen und Schulentwicklungsteams oder Steuergruppen sind etabliert und beziehen die Perspektive der Schülerschaft sowie der Eltern bzw. Lernortpartner systematisch in die Prozessgestaltung ein. Es wird gemeinsam und mit einer offenen Erprobungs- und Fehlerkultur an innovativen und zukunftsweisenden Entwicklungen des Lernens in der digitalen Welt gearbeitet.
  • Vernetzung in der Schule und darüber hinaus: Die schulischen Akteurinnen und Akteure vernetzen sich untereinander und über die eigene Schule hinaus. Hierzu gehört die Vernetzung mit anderen Schulen, in der Region und über die Region hinaus, die Vernetzung mit Expertinnen und Experten sowie mit Partnerinnen und Partnern der außerschulischen Lernorte. Unterstützend für die Vernetzung werden digitale Medien, Werkzeuge und Infrastrukturen (z.B. LOGINEO NRW LMS) verwendet. Die Potenziale der neuen Technologien zur Zusammenarbeit werden insbesondere auch im Kollegium und für die schulinterne Vernetzung genutzt.
  • Nutzung von Steuerungsinstrumenten: Das Schulprogramm sowie das schulische Medienkonzept werden als Steuerungsinstrumente der Schul- und Unterrichtsentwicklung sukzessive gemeinsam weiterentwickelt, an den Zielperspektiven von zukunftsfähiger Bildung und Schule ausgerichtet und im Kontext des kommunalen Medienentwicklungsplans, entsprechender schulübergreifender Dokumente oder der Handreichung zur Erstellung eines Medienkonzeptes für Berufskollegs reflektiert.
  • Vereinbarung von Lern- und Unterrichtsprinzipien: Vereinbarungen zu Lern- und Unterrichtsprinzipien – wie sie in den schulinternen Lern- und Arbeitsplänen (GS, FS) ausgearbeitet sind –, die den Anforderungen und Möglichkeiten der digitalen Welt Rechnung tragen, werden gemeinsam abgestimmt, erprobt, reflektiert und weiterentwickelt. Für Berufskollegs stehen im Berufsbildungsportal die Handreichung zur Integration digitaler Schlüsselkompetenzen, der Einleger zur Förderung digitaler Schlüsselkompetenzen sowie ein Reflexionstool zur Analyse von Lernsituationen zur Verfügung, welches Lehrkräfte bei der Visualisierung des Grades der Förderung digitaler Schlüsselkompetenzen in Lernsituationen bzw. Anforderungssituationen unterstützt.
  • Weiterentwicklung und Unterstützung des Lernens in den Fächern bzw. Lernfeldern: Die Weiterentwicklung fachlichen und überfachlichen Lernens wird vor dem Hintergrund des gemeinsam geteilten Zukunftsbildes zum Lernen in der digitalen Welt unterstützt. Fachbezogene Kompetenzen und Medienkompetenz bzw. digitale Schlüsselkompetenzen werden dabei auch unter Berücksichtigung des Pflichtfachs Informatik integrativ einbezogen und in der gemeinsamen Entwicklung von Inhalten und Methoden aufgegriffen.
  • Erweiterte Lernräume: Im Zusammenspiel von Didaktik – Technik – Raum, also von didaktischen Überlegungen, technischer Ausstattung und der Gestaltung von Lernräumen, werden gemeinsam Möglichkeiten der Weiterentwicklung, Modernisierung und Umgestaltung von physischen und digital-virtuellen Lernräumen abgestimmt und umgesetzt. Dies bezieht explizit auch außerunterrichtliche Lernräume mit ein. Dem Prinzip der Barriere­armut wird bei allen Überlegungen Rechnung getragen.

Das Gelingen schulischen Lernens in der digitalen Welt setzt die aktive Einbindung der Schülerinnen und Schüler voraus. Dies umfasst insbesondere den Einbezug der Perspektive der Lernenden auf Unterricht und Lernprozesse. Dabei stehen die Persönlichkeitsentwicklung, die Lebens- und Arbeitswelten sowie vor allem die Lernprozesse und -kontexte der Schülerinnen und Schüler im Mittelpunkt. Ziel ist es, dass alle Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen an den aktuellen und zukünftigen Entwicklungen in der digitalen Welt teilhaben und mit ihren individuellen Potenzialen davon profitieren können. Eine sich kontinuierlich verändernde Lebens- und Arbeitswelt erfordert es, Schülerinnen und Schüler beim Erwerb von Fähigkeiten zu unterstützen, die ihnen unter Berücksichtigung ihrer unter­schiedlichen Lernmöglichkeiten und Lebenswelten die Teilhabe in einer zunehmend digitalisierten (Arbeits-)Welt ermöglichen und die im förderlichen Sinne zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung, zur Selbstwirksamkeit und zur demokratischen Teilhabe beitragen. Dies gilt im besonderen Maße für das Lernen in der digitalen Welt, welches durch individualisierende Elemente sowie durch den Einbezug auch asynchroner Lernsettings an der Eigenverantwortlichkeit, den Selbstregulationsfähigkeiten, der Motivation und damit der Lernbereitschaft und den Lerninteressen ansetzt.

Zentrale Leitideen und inhaltliche Impulse

Eine zukunftsgerichtete Entwicklung des Lernens in der digitalen Welt, orientiert an der Persönlichkeitsentwicklung, den Lebens- und Arbeitswelten und vor allem dem Lernen der Schülerinnen und Schüler, umfasst unter anderem:

 

  • Anknüpfen an Lebens- bzw. Arbeitswelten: Das Lernen der Schülerinnen und Schüler in der digitalen Welt knüpft an die Lebens- bzw. Arbeitswelten, die selbst in hohem Maße bereits medial geprägt sind, an. Dies bezieht die Befähigung zur kompetenten und reflektierten Nutzung digitaler Medien und Werkzeuge im Sinne des Medienkompetenzrahmens NRW bzw. digitaler Schlüsselkompetenzen zur Erschließung von Lebens- sowie Arbeitswirklichkeiten und zur Persönlichkeitsbildung ein.
  • Partizipation durch (Mit-)Verantwortung:Schülerinnen und Schüler partizipieren ihrem Alter und Entwicklungsstand angemessen an der Planung und Gestaltung ihrer Lernprozesse, auch unter Nutzung digitaler Möglichkeiten. Sie werden dabei unterstützt und übernehmen Verantwortung für ihren Lernprozess.
  • Mitdenken von Chancengerechtigkeit: Die Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen berücksichtigt die unterschiedlichen Lernbedingungen der Schülerinnen und Schüler und schafft für alle Lernenden die entsprechenden Voraussetzungen, auch in Bezug auf deren Ausstattung mit digitalen Endgeräten und geeigneten Lerninhalten. Über das schulische Lernen im digitalen Raum und mit digitalen Unterstützungsformaten werden für alle Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, unabhängig von ihrem sozialen und sozioökonomischen Hintergrund, bestmögliche und barrierearm gestaltete Lernchancen ermöglicht. Durch eine klischeefreie Lernkultur und die kritische Reflexion digitalisierungsbezogener Stereotype trägt das Lernen in der digitalen Welt außerdem zur Geschlechtergerechtigkeit bei.
  • Förderung demokratischer Teilhabe: Schülerinnen und Schüler lernen, in einer zunehmend komplexen digitalen Welt Chancen und Risiken zu erkennen, abzuwägen und mit Widersprüchen, Ambiguitäten und Dissens konstruktiv, reflektiert und diskursiv umzugehen. Sie lernen, die digitalen Möglichkeiten für die Weiterentwicklung demokratischer Werte und Teilhabe zu nutzen und zu gestalten. Hierzu entwickelt die Schule ihre demokratisch gestaltete Schulkultur kontinuierlich weiter und schafft hierdurch die notwendigen Rahmenbedingungen.
  • Berücksichtigung und Förderung der (Lern-)Motivation: Das Lernen in der digitalen Welt – im fachlichen sowie im überfachlichen bzw. fachbereichsbezogenen Lernen – setzt an der (Lern-)Motivation und den Interessen der Schülerinnen und Schüler an. Es nutzt die Möglichkeiten einer zunehmend schülerorientierten Lernkultur, um die Lernfreude, Individualität, Kreativität und Selbstwirksamkeitserfahrung der Lernenden zu fördern und zu unterstützen.
  • Realisierung von Peer-Ansätzen: Die Schülerinnen und Schüler lernen, auch unter Nutzung digitaler Möglichkeiten, gemeinsam. Sie unterstützen sich gegenseitig, lernen Wege und Potenziale von Peer-Ansätzen kennen, profitieren so mit- und voneinander und erwerben dabei zentrale Kompetenzen für ein lebenslanges Lernen in der digitalen Welt.
  • Etablieren von Fehlerkultur: Schülerinnen und Schüler lernen mit Fehlern, mit eigenen und denen anderer, konstruktiv umzugehen und entwickeln Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zum Lernen in der digitalen Welt. Sie werden ermutigt, eigene und kreative Lernwege zu erproben, lernen konstruktives Feedback zu geben und Rückmeldungen anderer gewinnbringend für ihren Lernprozess aufzunehmen. Das Handeln der Lehrkräfte ist hierfür Vorbild.

Schulische Lernprozesse zeitgemäß und zukunftsorientiert zu gestalten, ist eine zunehmend und andauernd anspruchsvolle Herausforderung für Schulen und Lehrkräfte. Die Gestaltung von Unterricht und schulischen Lernprozessen geht dabei weit über den (gelegentlichen) Einbezug von digitalen Endgeräten in den Unterricht hinaus. Sie umfasst vielmehr die kontinuierliche Erweiterung des didaktischen Repertoires der Nutzung digitaler Medien und Werkzeuge, die entsprechende Weiterentwicklung der Lernkultur, deren sukzessive Einbindung in Formate der Leistungsüberprüfung sowie deren Berücksichtigung bei einer zukunftsgerichteten Weiterentwicklung der Fach- und Lerninhalte.

Die sich ständig erweiternden Möglichkeiten des Lernens in der digitalen Welt finden sich daher sowohl im Unterricht als auch in darüberhinausgehenden Lehr-/Lernprozessen, z.B. in der Verbindung verschiedener Lernorte, im Einbezug außerschulischer Lernorte und -angebote sowie bei der Gestaltung des Ganztags, wieder. Medienkompetenz und digitale Schlüsselkompetenzen werden dabei zunehmend als wichtige Bestandteile des Lernens in den Unterricht der Fächer und der Lernfelder integriert. Dabei verschränken sich in einem zeitgemäßen Unterricht digitale und analoge Phasen des Unterrichts in lernförderlicher und chancengerechter Weise. Den Qualitätsansprüchen und -kriterien „guten“ Unterrichts und der Berücksichtigung der Fachlichkeit wird unverändert Rechnung getragen.

Zentrale Leitideen und inhaltliche Impulse

Eine zeitgemäße und zukunftsgerichtete Gestaltung von Unterricht und von schulischen Lehr/Lernprozessen umfasst u.a.:

  • Stärkung der Beziehungsarbeit: Gegenseitige Wertschätzung, Respekt und Vertrauen zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern, aber auch zwischen den Lernenden selbst, bilden die Basis erfolgreicher Gestaltung von Unterricht und schulischen Lehr-/Lernprozessen. Beziehungsarbeit gewinnt in einer Lern- und Unterrichtskultur, die verstärkt von selbstreguliertem Lernen, einer in Teilen asynchronen Kommunikation und erweiterten Möglichkeiten durch digitale Werkzeuge und Medien geprägt ist, an zusätzlicher Bedeutung und wird durch geeignete Maßnahmen gestärkt.
  • Individuelle Förderung und Inklusion: Digitale Möglichkeiten sind für die Diagnostik, die individuelle Förderung, für die Beratung und für individuelles Feedback integrale Bestandteile der Gestaltung von Unterricht und schulischen Lehr-/Lernprozessen. Die Möglichkeiten digitaler Unterstützungsformate zur Lern(prozess)diagnostik und Unterstützung und Begleitung von individuellen Lernprozessen, z.B. über adaptive oder tutorielle Systeme, werden zunehmend erschlossen. In allen Bildungsprozessen wird Barrierefreiheit (accessibility und usability) beachtet, der Individualität der Lernenden wird auch durch sprach- und gendersensibles Handeln Rechnung getragen. Unterricht und schulische Lernprozesse in der digitalen Welt werden in einem inklusiven Bildungsverständnis angelegt.
  • Umfassende Kompetenzorientierung: Überfachliche und fachliche Kompetenzen – wie sie in den Richtlinien sowie Lehr- und Bildungsplänen des Landes abgebildet sind – bilden unverändert die zentrale Zielperspektive schulischen Lernens. Dabei werden die Kompetenzen entlang des Medienkompetenzrahmens (s. S. 6) NRW bzw. der Vorgaben zu digitalen Schlüsselkompetenzen für das Berufskolleg sowie informatischen Kompetenzen als integrale Bestandteile des Lernens in der digitalen Welt berücksichtigt und in anschlussfähiger Weise in den (Fach-)Unterricht bzw. das Lernen in den beruflichen Fachrichtungen zusammen mit den Zukunftskompetenzen Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken (4K) auf verschiedenen Lernniveaus eingebettet. Vor dem Hintergrund der aktuellen und zukünftigen digitalen Transformationsprozesse in der Gesellschaft, Lebens- und Arbeitswelt sind zunehmend Selbst-, Kollaborations-, Fach- und Methodenkompetenzen der Schülerinnen und Schüler bedeutsam, die auf die Möglichkeit zu einer aktiven (Mit-) Gestaltung dieses Prozesses befähigen sollen.
  • Erweiterte Lernaufgaben und Öffnung von Lernarrangements: Unterricht und schulische Lehr-/Lernprozesse sind so gestaltet, dass sich die Lernenden mit differenzierten und sie kognitiv, sozial und affektiv anregenden Aufgaben auseinandersetzen und dabei digitale Medien und Werkzeuge einbeziehen. Herausfordernde (digitale) Lehr-/Lernarrangements, die auch projektbezogenes Arbeiten und personalisiertes Lernen umfassen, ermöglichen allen Schülerinnen und Schülern, ihr eigenes Lernen zu steuern und dafür notwendige Phasen in eigenem Tempo und individuell zu durchlaufen. In der kontinuierlichen Weiterentwicklung der Lern- und Leistungsaufgaben werden die Erfordernisse des Lernens in der digitalen Welt berücksichtigt.
  • Förderung von 4K als Zukunftskompetenzen: Die sogenannten 4K (Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken) dienen als Gestaltungsmerkmal zur Weiterentwicklung des Unterrichts und darüberhinausgehender schulischer Lehr-/Lernprozesse. Synchrone und asynchrone Phasen der analogen und digitalen Kommunikation werden lernförderlich genutzt. Lernen findet an verschiedenen Lernorten und in unterschiedlichen Lernkontexten statt und ist so arrangiert, dass diese planvoll aufeinander abgestimmt und miteinander verzahnt sind. Aufgaben und Lernpfade sind so angelegt, dass die Schülerinnen und Schüler in ihrer Kreativität gefördert werden und kollaborativ Lernprodukte und Lernergebnisse erzielen können. Die grundsätzliche Bereitschaft, eine kritische Grundhaltung zu erwerben, ist ein übergeordnetes Ziel des Unterrichts und erweiterter schulischer Lehr-/Lernprozesse in der digitalen Welt. Lehr-/Lernprozesse tragen dazu bei, Ambiguitätstoleranz zu erwerben.
  • Feedback und Partizipation als Lernprozesselemente: Formatives Feedback durch die Lehrkräfte sowie Feedback durch die Mitschülerinnen und Mitschüler und Lernpartnerinnen und -partner sind fester Bestandteil des Unterrichts bzw. schulischer Lehr-/Lernprozesse in der digitalen Welt. Dazu werden Schülerinnen und Schüler – wo möglich und sinnvoll – auch in die Gestaltung des Unterrichts bzw. der Lehr-/Lernprozesse aktiv eingebunden.
  • Erprobung und Weiterentwicklung von Formen der Leistungsüberprüfung: Die bereits jetzt mögliche Vielfalt der Formen der Leistungsüberprüfung wird mit Blick auf die erweiterten Möglichkeiten des Lernens in der Kultur der Digitalität im Hinblick auf eine lernförderliche und zeitgemäße Aufgabenkultur sukzessive weiterentwickelt. Die durch Leistungsüberprüfungen erhobenen Lernstände werden in den Lernprozess zurückgeführt. Dazu werden neue Wege reflektiert erprobt und ggf. entsprechende Vereinbarungen fortgeschrieben.
  • Nutzung zeitgemäßer Bildungsmedien: Die verfügbaren digitalen Bildungsmedien, wie etwa digitale Lernumgebungen, Lernplattformen und IT-Infrastrukturen, digitale Schulbücher, exemplarische Lernsituationen für alle Fachbereiche mit expliziter Förderung digitaler Schlüsselkompetenzen im Berufsbildungsportal, Medien der Bildungsmediathek NRW, werden hinsichtlich ihrer Potenziale für das Lernen in der digitalen Welt analysiert, in die Planung und Durchführung von Unterricht und schulischen Lehr-/Lernprozessen einbezogen und lernförderlich eingesetzt.
  • Lernprozessbezogene Technologieentwicklung: Die technische Ausstattung der Schule und die Gestaltung von Lehr-/Lernprozessen bedingen sich wechselseitig. Die vorhandenen technischen Möglichkeiten und die schulische IT-Infrastruktur werden pädagogisch und didaktisch reflektiert eingesetzt und im Hinblick auf ein zeitgemäßes Lernen in der digitalen Welt weiterentwickelt.

Die Gestaltung des Lernens in der digitalen Welt erfordert nicht zuletzt aufgrund der Entwicklungsdynamik und der damit verbundenen sich beständig erweiternden pädagogischen Möglichkeiten und Erfordernissen einen neuen Blick auf die Rollen sowie auf die Professionalisierung von Lehrkräften. Die Veränderung der Rollen von Lehrkräften sowie ihre berufsbegleitende Professionalisierung für eine zukunftsfähige Umsetzung des Lernens in der digitalen Welt orientieren sich dabei im Kern an den fünf Handlungsfeldern Unterrichten, Beraten, Erziehen, Lernen und Leisten fördern und Schule entwickeln, die für das Lernen in der digitalen Welt bereits mit dem NRW-Orientierungsrahmen „Lehrkräfte in der digitalen Welt“ ausdifferenziert wurden.

Als zentral für die Gestaltung des Lernens in der digitalen Welt – und damit für die konkrete schulische Ent­wicklungsarbeit sowie für die Auseinandersetzung von Lehrkräften mit den neuen Anforderungen – werden veränderte Haltungen und Mindsets, die aktive Beteiligung an Innovationsprozessen sowie eine Veränderung der eigenen Arbeitsprozessstrukturen, vor allem auch im Austausch sowie durch Kooperation und Kollaboration mit anderen schulischen Akteurinnen und Akteuren, besonders relevant. Zukunftsfähige Schul- und Unterrichtsentwicklung in einer digitalen Welt gelingt dann, wenn sich vor allem auch die Lehrkräfte in den Veränderungsprozess aktiv einbringen und ihre digitalisierungsbezogenen Kompetenzen kontinuierlich erweitern.

Zentrale Leitideen und inhaltliche Impulse

Die zukunftsfähige Veränderung der Rollen und die Professionalisierung der Lehrkräfte für das Lernen in der digitalen Welt umfassen unter anderem:

  • Erweiterte Haltungen und Mindsets: Lehrkräfte begegnen den beruflichen Anforderungen im Kontext der Entwicklung des Lernens in der digitalen Welt offen und mit Neugierde. Sie setzen sich mit der Entwicklung des Lernens in der digitalen Welt auseinander und bringen sich in die Unterrichtsentwicklung und Entwicklung von erweiterten schulischen Lehr-Lernprozessen an ihrer Schule aktiv ein. Dabei beziehen sie die Schülerschaft sowie die Eltern und außerschulischen Lern- und Kooperationspartnerinnen und -partner in diese Entwicklungen und damit in die Gestaltung des Lernens in der digitalen Welt – auch unter Nutzung digitaler Werkzeuge und Kommunikationswege – ein.
  • Zukunftsfähiges Rollenverständnis: Lehrkräfte reflektieren ihre eigene Rolle im Unterricht und in schulischen Lehr-/Lehrprozessen und sind bereit, diese an die veränderten Anforderungen, Möglichkeiten und Erfordernissen des Lernens in der digitalen Welt anzupassen. Sie begreifen sich in diesem Prozess selbst auch als Lernende und sind bereit, die eigene Rolle zu reflektieren und zu verändern.
  • Kontinuierliche Fort- und Weiterbildung: Lehrkräfte nutzen ihren Interessenslagen und Kompetenzen entsprechend bedarfsorientiert Fort- und Weiterbildungsangebote im Bereich des Lernens in der digitalen Welt. Sie qualifizieren sich kontinuierlich, alleine und gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen, und entwickeln ihre Kompetenzen gemäß des NRW-Orientierungsrahmen „Lehrkräfte in der digitalisierten Welt“ weiter. Unterschiedliche Fort- und Weiterbildungsformate, wie z.B. schulexterne Fortbildung, schulinterne Fortbildung, kollegiale Hospitationen, Mikrofortbildungen – auch im virtuellen Format – werden zielgerichtet genutzt. Angebote zur pädagogischen und technischen Nutzung digitaler Medien und Werkzeuge sowie Angebote mit Fachbezug bzw. Bildungsgangbezug werden wahrgenommen und für die eigene Praxis reflektiert umgesetzt. Lehrkräfte nehmen die beruflichen Anforderungen im Kontext des digitalen Wandels an, indem sie sich – auch in Kooperation mit anderen Lehrkräften, aktiv und kontinuierlich fortbilden und dabei Formate des Austausches und der Ko-Konstruktion von didaktischem Wissen nutzen. Der Austausch sowie kooperative und konstruktive Zusammenarbeit in den Fachgruppen und den schulischen (Bildungsgang-)Teams trägt hierzu nachhaltig bei.
  • Aktive Beteiligung und Verantwortungsübernahme: Lehrkräfte tragen zur Entwicklung einer gemeinsam geteilten Vorstellung zeitgemäßen Lernens bei und beteiligen sich aktiv an der kontinuierlichen Entwicklung einer zukunftsfähigen Schule in einer digitalen Welt. Sie übernehmen über ihren eigenen Unterricht hinaus Verantwortung für die Entwicklung des Lernens in ihrer Schule und beteiligen sich an Schulentwicklungsprozessen, die den Aspekt der Digitalisierung zukunftsorientiert berücksichtigen – dies gilt insbesondere für die Weiterentwicklung und Umsetzung des Schulprogramms, des schulischen Medienkonzeptes sowie die Fortschreibung und Umsetzung schulinterner Lehrpläne und Arbeitspläne (in GS u. FS).
  • (Mit-)Gestaltung von digitalisierungsbezogenen Innovationen: Lehrkräfte beteiligen und gestalten schulische Innovationsprozesse im Kontext des Lernens in der digitalen Welt und beziehen dabei auch die Entwicklung und Erprobung erweiterter Aufgaben- und Prüfungsformate im Rahmen der rechtlichen Vorgaben ein.
  • Entwicklung und Realisierung neuer Arbeitsformen: Lehrkräfte greifen auf die sich erweiternden und veränderten Möglichkeiten der Kommunikation, der Kooperation und Kollaboration – im Kollegium, aber auch darüber hinaus – zurück. Sie setzen dazu zunehmend digitale Möglichkeiten, beispielsweise Lernplattformen, Videokonferenzsysteme, digitale Aufgabenverwaltung, digitale Pinnwände usw. ein, reflektieren ihre eigenen Arbeitsformen kontinuierlich und tragen zur Weiterentwicklung der Arbeits- und Koope­rationskultur in ihrer Schule bei.