Jugendliche Perspektiven bei deutsch-französischer Zusammenkunft in Lille
L’amitié franco-allemande – die deutsch-französische Freundschaft pflegen das Georg-Büchner-Gymnasium und das Lycée Louis Pasteur in Lille: Gemeinsam haben sie an einem Projekt zum Ersten Weltkrieg gearbeitet.
[Schule NRW 07/08-26]
Zum dritten Mal haben am 19. Mai 2026 das Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen und die nordfranzösische akademische Region Hauts-de-France in Lille ihre seit 2008 bestehende Kooperation verlängert. Die Kooperationsvereinbarung hat konkret zum Ziel, die Zusammenarbeit von Schulen in beiden Regionen zu stärken. Schulministerin Dorothee Feller und die Rektorin der französischen Akademie, Sophie Béjean, wollten die feierliche Unterzeichnung daher auch zu einer Begegnung französischer und deutscher Jugendlicher machen. Schülerinnen und Schüler des Lycée Louis Pasteur in Lille sowie des Georg-Büchner-Gymnasiums in Düsseldorf entwickelten daraufhin ein Projekt, das den Bogen zwischen Erinnerungskultur und Zukunftsgestaltung spannte und dessen Präsentation bei den politischen Verantwortlichen auf großen Beifall stieß.
Erinnerung verstehen – Zukunft Europas gestalten
Unter der Regie von Französischlehrerin Assunta Braidi, zugleich Schulleiterin des Georg-Büchner-Gymnasiums in Düsseldorf, und Deutschlehrerin Martine Thevenin vom Lycée Pasteur in Lille entwickelten 45 Schülerinnen und Schüler der neunten bzw. zehnten Klasse das Projekt „Erinnerung verstehen – Zukunft Europas gestalten“. Sie erforschten Biografien von zwischen 1914 und 1918 in der Region Gefallenen verschiedener Nationalitäten und versetzten sich kreativ in deren Lage, indem sie fiktive Tagebucheinträge über die Nöte, Ängste und Wünsche dieser jungen Menschen verfassten.
Da sie als Sportler selbst aktiv sind, beschäftigte sich eine Gruppe von Schülern intensiv mit einem britischen Sportler, der in der Region Lille während des Ersten Weltkriegs als Soldat gefallen war. Victor Richardson, geboren 1894 in England, war ein talentierter cricketer und spielte für den „Cambridge University Cricket Club“. Er galt als vielversprechender Athlet, ein 20-Jähriger mit großen Plänen, bevor der Erste Weltkrieg seine Karriere unterbrach.
Richardson trat als Offizier in die britische Armee ein, die den verbündeten Franzosen dabei half, ihr Land gegen die deutschen Invasoren zu verteidigen. Er wurde an der Westfront eingesetzt, besonders in den schweren Kämpfen in Nordfrankreich. Richardson und damit seine Träume starben am 4. Oktober 1917 in der Schlacht von Passchendaele, der sogenannten Dritten Flandernschlacht.
Victor Richardson ist einer von etwa 580.000 Gefallenen des nordwestlichen Frontabschnitts, deren Namen der Anneau de la Mémoire („Ring der Erinnerung“), ein beeindruckender Gedenkort etwa 40 Kilometer südlich von Lille, unabhängig von der Nationalität alphabetisch auflistet: Hier standen sich vier Jahre lang Deutsche, Franzosen und deren Verbündete gegenüber und ließen ihr Leben in Scharen für ein paar Hundert Meter Geländegewinn oder -rückgewinn. Richardson gehört aber auch zu einer Gruppe von Namen – stellvertretend für so viele –, zu denen französische und deutsche Jugendliche aus Düsseldorf und Lille in den vergangenen Monaten recherchierten und denen sie damit wieder ein Gesicht gaben.
Appell an die Zukunft
Darüber hinaus formulierten die Jugendlichen Botschaften aus ihrer Sicht: Zum einen wandten sie sich mit ihren Eindrücken an die vor über 100 Jahren verstorbenen Soldaten, zum anderen adressierten sie ihre Wahrnehmungen der gegenwärtigen Welt und die damit verbundenen Sorgen und Hoffnungen an Gleichaltrige im Jahr 2126. In diesem Kontext gestalteten sie auch einen symbolischen „Ring der Zukunft“, den sie mit ihnen am Herzen liegenden Werten beschilderten. Den Ring haben sie Ministerin Dorothee Feller überreicht.
Austausch schafft Verbundenheit
Der dreitägige Austausch in Lille war für alle Seiten äußerst gewinnbringend. Die deutschen und französischen Schülerinnen und Schüler kamen – wenn es bisweilen auch auf Englisch war – schnell ins Gespräch und am ersten Abend in den Genuss eines feierlichen Menüs im Beisein von Ministerin Feller und Rektorin Béjean. Den Höhepunkt bildete am nächsten Tag der gemeinsame Besuch des Anneau de la Mémoire mit anschließender Präsentation der reichhaltigen Projektergebnisse. Schulministerin Feller zeigte sich im Gespräch mit den Jugendlichen beeindruckt von deren Kreativität und Reflexionsschärfe.
Austauschprojekte wie dieses – das hat auch die Auswertung mit den Schülerinnen und Schülern auf beiden Seiten gezeigt – hinterlassen bleibende kulturelle Eindrücke, machen Lust auf das Nachdenken über die gemeinsame Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und fördern somit den Anspruch, die politische Gestaltung Europas nicht nur den Älteren zu überlassen. So wird die schriftlich fixierte Kooperation durch die jungen Menschen mit Leben gefüllt. Dabei muss der Lernfortschritt in der Zielsprache, wiewohl sehr wünschenswert, nicht unbedingt immer an erster Stelle stehen. Entscheidend ist die Entstehung und Pflege eines Diskurses, in dem die jugendlichen Perspektiven auf Europa sich ihren Platz verschaffen.
Autor: Dr. Norbert Bursch, Lehrer am Georg-Büchner-Gymnasium in Düsseldorf
Das Projekt
„Erinnerung verstehen – Zukunft Europas gestalten" -
„Comprendre le passé – construire l'avenir de l'Europe"
Dem Begegnungsprojekt ging eine gezielte Vorbereitungsphase voraus. Am Georg-Büchner-Gymnasium in Düsseldorf wurde eigens eine Arbeitsgemeinschaft eingerichtet, in der die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 9 über zehn Unterrichtsstunden hinweg fächerverbindend – mit Inhalten aus Französisch, Geschichte, Politik und Kunst – an dem Thema arbeiteten. Parallel dazu bearbeiteten die Schülerinnen und Schüler des Lycée Pasteur in Lille dieselben Aufgaben.
Im Mittelpunkt des gemeinsamen Projektes stand der Anneau de la mémoire, eine Gedenkstätte in der Region Hauts-de-France, und die Fragen, die er aufwirft: Was bedeutet Erinnern?Was können wir aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen und welche Werte sind uns für die Zukunft Europas wichtig?
Die Schülerinnen und Schüler beider Länder näherten sich diesen Fragen in drei arbeitsteiligen Gruppen. Die erste Gruppe wählte einzelne Namen vom Anneau de la mémoire aus, recherchierte die Menschen dahinter und gab ihnen durch Steckbriefe und kreative Texte eine Stimme. Die zweite Gruppe schrieb über Jahrhundertgrenzen hinweg Briefe an Soldaten aus dem Jahr 1914 und an Menschen im Jahr 2126 und erklärte dabei, was Europa heute ist und was es einmal sein soll. Die dritte Gruppe gestaltete in Anlehnung an den Anneau de la mémoire einen symbolischen Ring mit den Werten, die ihnen für Europa wichtig sind.
Förderung von Schulpartnerschaften
Seit 2024 können Schulen aus Nordrhein-Westfalen eine Förderung beantragen für die Vertiefung bestehender und Unterstützung neu zu gründender Schulpartnerschaften mit Schulen aus den französischen Partnerregionen. Voraussetzung für die Förderung ist, dass die Partnerschule in der französischen Region Provence-Alpes-Côte d'Azur, Auvergne-Rhône-Alpes oder Hauts-de-France oder in Versailles lieget. Im Mittelpunkt dieser Schulpartnerschaften und den damit verbundenen Begegnungsfahrten steht die Vermittlung eines modernen Bildes, insbesondere die Teilnahme am Lebens- und Schulalltag des jeweils anderen.
Fördermittel können eingesetzt werden für:
- Reisekostenzuschüsse bei Begegnungsmaßnahmen
- Projektmittel im Rahmen einer virtuellen internationalen Austauschmaßnahme
Weitere Informationen:
Förderung von Begegnungsmaßnahmen mit französischen Partnerregionen | Bildungsportal NRW
Zum Antrag:
bildungsfoerderung-schule.nrw.de bildungsfoerderung-schule.nrw.de Login