Kleine Filmregisseure und Kapitäne auf dem Mathefluss
Frische Materialien für individuelles Lernen, zusätzliches Personal, neue Räume und Konzepte sowie motivierende und magische Worte: Schulen, die am Startchancen-Programm teilnehmen, kümmern sich mit vielen Einfällen und viel Einsatz um jede Schülerin und jeden Schüler. Staatssekretär Dr. Urban Mauer hat sich den Unterricht an sechs Schulen angeschaut und zeigt sich beeindruckt. Er hatte auch einige Neuigkeiten zum Programm dabei.
[Schule NRW 03-26]
Hamza ist erst zehn Jahre alt und schon ein Filmregisseur. Der Junge trägt ein Trikot von Manchester-City-Fußballstar Erling Haaland am Körper und ein Tablet in der rechten Hand. Dieses hält er mit der Kamera auf einige grüne, gelbe und weiße Satzteile, die – zu ersten Sätzen zusammengebaut – auf dem Tisch vor ihm liegen. „Ronja und Zora spielen auf der Wiese“, heißt es da, „Manuel klettert auf einen Baum“. Neben Hamza formt Yuni, 9, auf dem Tisch weitere Sätze, während Justus, 10, einen vor ihm liegenden Text mit lauter Stimme ins Tablet-Mikro spricht: „Habt ihr euch auch schon mal gefragt, was Satzglieder sind?“ Nachdem alles liegt und gesagt ist und Hamza das Kamerarotlicht ausgeschaltet hat, rennt das Lern-Trio aus dem Klassenraum, um auf dem Gang die Qualität des selbstgedrehten Videos zu checken, und kehrt nach etwa einer Minute bestens gelaunt zurück. Alles im Kasten. Schon bald werden die drei Nachwuchs-Filmer ihre schulische Aufgabe abschließen und das Werk den anderen Kindern der Klasse 4c der Gladbecker Südparkschule präsentieren.
Moderne Technik und Kreativität vereint
Moderne Technik einsetzen, aufregende Rollen übernehmen, mit Spaß und einem ordentlichen Schuss Kreativität lernen – so geht Schule von heute. Sie aktiviert die Sinne, regt die Fantasie an, ermutigt zu eigenverantwortlichem Handeln und möchte möglichst jedem Kind und Jugendlichen die Chance geben, seinen eigenen Fähigkeiten gemäß gefördert zu werden und sich niemals abgehängt zu fühlen. Solche individuellen und interaktiven Ansätze fördert das Startchancen-Programm. Dr. Urban Mauer, Staatssekretär im Schulministerium, hat sich in den vergangenen Wochen an mehreren Schulen angeschaut, wie das Bund-Länder-Programm zur Unterstützung von Schulen in herausfordernden Lagen wirkt und auf die jeweiligen Bedingungen zugeschnittene Lehr- und Lerninstrumente schafft.
Besuche im Rheinland, in Ostwestfalen und im Ruhrgebiet
Der Staatssekretär besuchte sechs Schulen im Rheinland, in Ostwestfalen und im Ruhrgebiet. Überall stieß er auf tolle Einfälle – und viele Menschen, denen es ein Herzensanliegen ist, den Schülerinnen und Schülern Türen in eine erfolgreiche Zukunft aufzuschließen. „Man merkt, wie viel allen an diesen Schulen Tätigen daran liegt, sich um alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen zu kümmern“, sagt er. „Es ist ganz enorm, was das Personal an den Startchancen-Schulen in den vergangenen anderthalb Jahren seit Einführung des Programms auf die Beine gestellt hat.“
„Das ist ein Spitzensatz, du hast an alles gedacht“
Klassenlehrerin Barbara Dommel
In sein Lob schließt Dr. Mauer beispielsweise Barbara Dommel ein. Als er in Gladbeck in ihrem Klassenraum vorbeischaut, beugt sich die Klassenlehrerin gerade über das Heft von Grundschülerin Melek. Das Mädchen hat einen Satz über einen Hut und dessen Schönheit aufgeschrieben. „Das ist ein Spitzensatz, du hast an alles gedacht“, lobt Barbara Dommel. Ähnlich motivierend sind Unterricht und Schulleben an der Pestalozzischule in Mülheim, wo Schülersprecherin Emma und Klassensprecherin Zula dem Staatssekretär das grüne Klassenzimmer, den Gemüsegarten, einen daran angrenzenden Teich mit Bienenstock sowie ein plauschiges grünes Wesen mit kerzengerade abstehenden gelb-schwarz-roten Haaren namens Lubo zeigen, welches auf Bildern in den Gängen der Schule andere Plüschgestalten in den Arm nimmt. Daneben der Satz: „Du bist nicht allein.“
Nach dem Rundgang ist Dr. Mauer zu Gast bei Deutsch- und Mathelehrerin Kathrin Henke – und in einem Raum, in dem es vor Geschäftigkeit nur so vibriert. Darin arbeitet jede Schülerin und jeder Schüler, einige unterstützt durch Schulbegleiterinnen, dem eigenen Lernstand entsprechend – individuelles und inklusives Lernen in Reinkultur. Ein Junge sitzt vor einem Tablet, auf dem ein Zahlenhaus in Dreiecksform zu sehen ist. Im zugespitzten Dach blinkt eine große „6“. Der Junge schiebt Zahlen zusammen, um auf die vorgegebene Summe zu kommen. Liegt er richtig, erscheint eine grinsende Katze oder Eule auf dem Bildschirm und signalisiert mit gerecktem Daumen: Gut gelöst! Die Kinder können mit den elektronischen Medien lernen, die sie sich aus einer unter der Tafel liegenden Kiste nehmen, oder sich eins der vielen herumliegenden Übungsbücher greifen, um damit erste Zahlenräume zu erfassen oder am Lesen und Schreiben zu feilen.
Mathefluss und Deutschweg
Der Clou der Deutsch- und Matheförderung an dieser Mülheimer Schule ist in Bildform links und rechts neben der Tafel befestigt: ein Mathefluss und ein Deutschweg. Beides hat das Lehrpersonal mit viel Liebe zum Detail angefertigt, ebenso viele andere Unterrichtsmaterialien, welche die Mathe-Fachschaft im vergangenen Schuljahr erstellt hat, um auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen zielgerichteter reagieren zu können. Der Mathefluss führt kurvenreich an Stationen vorbei, die sich „Aufgabenfamilien bis 20“ oder „Kleiner, größer oder gleiche Mengen und Zahlen“ nennen. Schildkröten schleichen am Wasser entlang, ein Seeräuber mit roten Haaren guckt freundlich in die Welt, ebenso ein Zwerg mit roter Mütze. Auf dem anderen Bild, das den Deutschweg zeigt, tummeln sich Tiere. Neben einem Affen leuchtet ein A, neben einem Löwen ein L, neben einem Zebra das Z. Buchstaben lernen im Dschungel. Überall verteilt hängen kleine Schilder mit den Namen der Schülerinnen und Schüler. Klassenlehrerin Henke eilt zwischen den Kindern hin und her, begutachtet die Lernerfolge. Hat ein Kind eine Aufgabe an seinem Tisch gemeistert, befördert sie das entsprechende Namensschild auf Mathefluss oder Deutschweg ein Stückchen weiter Richtung Ziel. Die Kinder bewegen sich so auf beiden Bildern kontinuierlich voran. Mal schneller, mal langsamer. Mal als Kapitäne auf dem Wasser, mal als Abenteurer durch die exotische Tierwelt.
Rückmeldung mit Emojis
Als die Stunde fast vorbei ist, steuert Kathrin Henke eine Wand mit vier Emojis an. Das grüne Gesicht ist sichtbar gut drauf, gelb geht es auch passabel, orange etwas weniger ordentlich, und rot verharrt grollend im Stimmungstief. Daneben hängen erneut Schilder mit den Kindernamen. Die Klassenlehrerin fragt jedes Kind, wo es sich selbst einsortieren würde, spart dabei nicht mit positiven Worten. „Du hast gut gearbeitet, das hat mir gut gefallen“, sagt sie zu Eli. Eli sieht es ähnlich und bittet Kathrin Henke, ihren Namen an das gelbe Konterfei anzudocken. Gute Leistung, passable Laune. Die Schulstunde ist ein Erfolg.
Jedes Kind mit seinen Stimmungen und Stärken annehmen
Jedes Kind so annehmen, fördern und fordern, wie es ist, mit seinen jeweiligen Stärken und Schwächen – und dabei immer auch die Befindlichkeiten der jungen Menschen im Blick behalten: Darum geht es an sehr vielen Schulen Nordrhein-Westfalens. Und darum geht es auch beim Startchancen-Programm. Staatssekretär Dr. Mauer war es auf seiner Tour nicht nur wichtig, sich Unterrichtsbeispiele anzuschauen, mit Kindern zu sprechen und zu lernen. Es ging ihm auch darum, sich Erfahrungen und Erlebnisse des schulischen Personals schildern zu lassen, und nachzufragen, welche konkrete Unterstützung die Schulen zusätzlich brauchen.
In Mülheim berichtete Schulleiterin Julia Friedrichs, dass 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler an der Pestalozzischule einen Migrationshintergrund mitbringen. 70 Kinder sind in der Erstförderung. Es wird in wenigen Wochen eine „Klasse null“ eingerichtet, in der sieben Kinder, die zum Schuljahr 2026/ 2027 eingeschult werden, zweimal drei Stunden wöchentlich eine Förderung vorschulischer Fähigkeiten erhalten, um zumindest mit rudimentären Sprachkenntnissen in die Schule starten zu können. An der Südparkschule in Gladbeck erzählte Sonderpädagogin Stefanie Sanders, dass manchen Kindern elementare Kompetenzen fehlen, gerade auch im sozial-emotionalen Bereich. „Es gibt Kinder, die überhaupt nicht wissen, wie man sich in eine Klasse einbringt, wie man aufeinander achtet“, sagt sie.
Startchancen-Programm möchte Bildungserfolg von der sozialen Herkunft entkoppeln
Mit dem Startchancen-Programm verbinden Bund und Länder das Ziel, eben auch genau auf solche Kinder zu schauen und den Bildungserfolg der Schülerinnen und Schüler von ihrer sozialen Herkunft zu entkoppeln. Dafür stellt der Bund über einen Zeitraum von zehn Jahren insgesamt zehn Milliarden Euro zur Verfügung. Davon gehen alleine bis zu 2,3 Milliarden Euro nach Nordrhein-Westfalen. Das Land gibt Mittel in der gleichen Höhe dazu. Das Programm beruht auf drei Säulen – einem Investitionsbudget für die lernförderliche Infrastruktur der Schulen, einem Chancenbudget für die Schul- und Unterrichtsentwicklung und einem Personalbudget, um Fachkräfte für Multiprofessionelle Teams oder für Schulsozialarbeit einzustellen.
„In Schulen in herausfordernden Lagen sind für die Kinder die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Bildungsweg oft von Beginn an schlechter als für Kinder, die an Schulen mit einem weniger hohen Sozialindex unterrichtet werden“
Staatssekretär Dr. Urban Mauer
„In Schulen in herausfordernden Lagen sind für die Kinder die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Bildungsweg oft von Beginn an schlechter als für Kinder, die an Schulen mit einem weniger hohen Sozialindex unterrichtet werden“, betont Dr. Mauer, der über diese und andere Themen unter dem Titel „Bildungsland NRW: Faire Chancen für jedes Kind“ jüngst auch auf der Bildungsmesse didacta in Köln referierte. „Das bedeutet, dass manchen Kindern nicht nur Sprachkenntnisse, sondern auch grundlegende Kompetenzen – mit Stift und Schere umgehen, sich selbst anziehen, rückwärtslaufen – einfach fehlen. Für die Lehrkräfte und Teams an diesen Schulen heißt das: Sie müssen oft umso härter arbeiten, um all das zu kompensieren und den Kindern das Wesentliche zu vermitteln.“ Genau hier setzt das Programm an: Die Unterstützung fließt nach einer maßgenauen Analyse exakt dorthin, wo das schulische Personal und Schülerinnen und Schüler diese am dringendsten benötigen.
Schulen mit passgenauen Angeboten
So setzt die Südparkschule in Gladbeck beispielsweise eine Lernverlaufsdiagnostik ein, hat eine systematische Leseförderung geschaffen, führt regelmäßige Unterrichtseinheiten zum sozialen Lernen durch, sorgt für tägliche Spiel- und Bewegungszeiten. Die Pestalozzi-Schule in Mülheim hat das Schulgebäude unter anderem mit Ruhe- und Bewegungsräumen ausgestattet, gibt einer sozialpädagogischen Fachkraft viel Raum für das Einüben respektvollen Verhaltens, hat die Elternarbeit intensiviert und die Einzelgespräche mit Kindern über deren Entwicklungspotenziale. An der Gemeinschaftsgrundschule Langemaß in Köln entstand eine Kooperation mit einer anderen Kölner Startchancen-Schule, um selbstreguliertes Lernen zu fördern. Zudem wurde eine Zusammenarbeit mit der Universität Köln initiiert, um unter anderem die sprachliche Diagnostik zu fördern, und die Zahl der Lese-Trainings für die Kinder gesteigert. Die Vogelruthschule in Bielefeld nutzt Startchancen-Geld, um zum Beispiel ein neues Raumkonzept zu erarbeiten und ein neues Konzept zum individuellen Lernen umzusetzen, eine sozialpädagogische Fachkraft einzustellen, die Vermittlung sozial-emotionaler Kompetenzen auszuweiten und Schülerinnen und Schülern Konfliktlösungsstrategien und Möglichkeiten der Emotionskontrolle aufzuzeigen. Die Wilhelm-Busch-Schule in Wesseling hat zur Förderung der Basiskompetenzen Lesezeiten und Sozialtraining etabliert, bindet Lesementoren ein, führte eine Bibliothek ein und erweiterte den Schulgarten.
Das alles sind erste Maßnahmen, die in den kommenden Jahren sukzessive ausgebaut werden. So wird ab dem kommenden Schuljahr 2026/27 das bereits etablierte Chancenbudget des Startchancen-Programms, über das die Schulen selbst verfügen können, um zwei Millionen Euro auf insgesamt 23 Millionen Euro erhöht. Mit diesem „Chancenbudget Kultur“ sollen kulturelle Angebote an den teilnehmenden Schulen ermöglicht werden. Auf diesem Wege können sich noch mehr Kinder und Jugendliche mit Kunst und Kultur auseinandersetzen, neue Ausdrucksformen finden, ihre Persönlichkeiten entwickeln und in einer Schulkultur voller Anregungen Selbstbewusstsein formen. Auch besteht für die Schulen die Möglichkeit, am sogenannten Umbraise-Programm zu partizipieren, das gezielt dabei hilft, Strategien für ein stabiles Schulklima zu entwickeln. Lehrkräfte und multiprofessionelle Teams sollen besser auf belastendes Verhalten von Schülerinnen und Schülern und Konfliktsituationen reagieren können.
"Heiter weiter" mit magischen Worten
Denn bei allem, was an den Schulen passiert, ist klar: Es gehört viel Kraft dazu, sich jedem Kind zu widmen und „das große Potenzial zu heben“, das beispielsweise Philipp Fröhlich, Leiter der Oesterholz-Grundschule am Dortmunder Borsigplatz, in jeder Schülerin und jedem Schüler erkennt. Seine Kollegin Julia Friedrichs, die Schulleiterin in Mülheim, schaut zur Motivationssteigerung tagtäglich auf ein Bild mit „magischen Worten“ für den Schulalltag, platziert neben ihrem Schreibtisch. Hunderte verbale Mutmacher sind dort auf engem Raum zu lesen, von „leichtfüßig“ über „nett“ und „fantasievoll“ bis hin zu „motivierend“, „teamfähig“, „jauchzend“ und „zauberhaft“. Und sollten all diese Worte mal nicht reichen, um einen Tag aufzuhellen, hilft sicherlich die sprachliche Kurzformel, die Julia Friedrichs auf einem Bild an der gegenüberliegenden Wand immer im Blick hat: „Heiter weiter“.
Autor: Dr. Frank Lehmkuhl, Ministerium für Schule und Bildung NRW