Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern sitzt zusammen und spricht über Wirtschaftsdokumente, die zwei von ihnen in den Händen halten.

Wirtschaft als neues Schulfach: Ein Interview mit Staatssekretär Mathias Richter

Als Teil der Allgemeinbildung will die Landesregierung die ökonomische Bildung der Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen gezielt stärken. Daher gibt es nun das neue Schulfach Wirtschaft bzw. Wirtschaft-Politik.

[Schule NRW 07/08-21]

An den Gymnasien wurde das neue Schulfach bereits im Schuljahr 2019/20 in der Sekundarstufe I eingeführt und wird dort sehr gut angenommen. Mit Beginn des Schuljahres 2020/21 wurde an allen weiterführenden Schulen der Sekundarstufe I das Schulfach Wirtschaft bzw. Wirtschaft-Politik eingeführt oder dessen Stellung im Fächerkanon gestärkt.

Welche Ziele verfolgt die Landesregierung mit der Einführung des neuen Schulfachs? Welche Veränderungen kommen auf Lehrerinnen und Lehrer zu? Und was bedeutet das für das Lehramtsstudium und die Ausbildung? Schule NRW hat mit Mathias Richter, Staatssekretär im Ministerium für Schule und Bildung, gesprochen.

 

Herr Richter, ein neues Unterrichtsfach Wirtschaft an unseren Schulen. Wird das graue Theorie oder mehr Praxis?

Es geht um ganz praktische Fragen aus dem Alltag. Wie gehen wir mit Geld um oder auch das Abschließen von Verträgen oder Versicherungen, wollen wir in der Schule mehr thematisieren. Ich habe viel über die Verunsicherung von Schülerinnen und Schülern erfahren können, wenn sie mit diesen Themen konfrontiert sind. Uns geht es darum, Schülerinnen und Schülern mehr Sicherheit für eigene Entscheidungen in ihrem Alltag zu geben. Ökonomische Bildung, das Verstehen von grundlegenden wirtschaftlichen Zusammenhängen, ist dafür eine wichtige Voraussetzung.

 

Die Einführung des neuen Schulfachs Wirtschaft bzw. Wirtschaft-Politik zieht viele Veränderungen nach sich: die Neukonzeption von Lehrplänen, die Anpassung der Lehramtszugangsverordnung. Warum war das aus Ihrer Sicht nötig?

Das Ziel der Fächer des Lernbereichs Gesellschaftslehre ist es u.a., Schülerinnen und Schüler in die Lage zu versetzen, die politischen, sozialen und auch die wirtschaftlichen Verhältnisse verantwortungsvoll mitzugestalten. Durch das neu konzipierte Fach Wirtschaft-Politik wollen wir als Landesregierung die ökonomische Bildung als einen Bestandteil der Allgemeinbildung gezielt stärken und die Schülerinnen und Schüler so noch besser auf eine selbstbestimmte Lebensgestaltung und auf einen erfolgreichen Berufseinstieg vorbereiten.

Dabei geht es in erster Linie um ganz praktische und alltagsnahe Themen wie Verbraucherrechte, um soziale Sicherung und Absicherung, aber auch um Zukunftsthemen wie nachhaltige Entwicklung.
Neben der Vermittlung von Sach- und Methodenkompetenz geht es uns besonders um die Urteils- und Handlungskompetenz der Schülerinnen und Schüler. Darum, dass sie als mündige und selbstständige Personen begründete Entscheidungen treffen können.

Wer das will, muss natürlich zwangsläufig auch die bestehenden Verordnungen und Lehrpläne anpassen.

 

Was bedeutet das konkret für den Unterricht? Mehr Aktienkurs, weniger politische Bildung?

Diese Kritik haben wir vor Einführung des Faches oft gehört, sie ist aber nach den Erfahrungen im Schulalltag verpufft. Glauben Sie mir, als Staatssekretär im Ministerium für Schule und Bildung ist mir politische Bildung sehr wichtig. Gerade in den schulischen Mitwirkungsorganen leben wir eine demokratische Diskussions- und Streitkultur. Auch Fahrten zu Gedenkstätten und Erinnerungsorten sind bedeutende Elemente der historischen und politischen Bildungsarbeit an Schulen in Nordrhein-Westfalen.

Ich bin aber auch der Überzeugung, dass wir Politik nicht ohne gesellschaftliche und wirtschaftliche Fragestellungen betrachten können. Und ebenso können wir Wirtschaft nicht ohne Politik und Gesellschaft denken.

Die Stärkung von ökonomischer Bildung in der Schule ist ausdrücklich als eine Erweiterung der gesellschaftswissenschaftlichen Grundlagen zu verstehen. Sie ist selbstverständlich kein Ersatz für politische Bildung und soziologische Fragestellungen. Das Fach Wirtschaft-Politik deckt als integratives Fach weiterhin alle Teilbereiche der Sozialwissenschaften ab.

 

Und wie sieht das konkret in der Umsetzung für die Schulen aus?

Schon bei der Konzeption stand für uns außer Frage, dass die Stärkung der ökonomischen Bildung keine Schwächung der anderen Teilbereiche – Politik und Soziologie – bedeuten darf. Die Stärkung von ökonomischer Bildung schaffen wir daher mit zusätzlichen Stunden. Das heißt, dass der Lernbereich Gesellschaftslehre insgesamt eine Stärkung erfährt und eben ein besonderer Schwerpunkt auf den Bereich Wirtschaft gelegt wird. Die Kernlehrpläne haben wir in enger Abstimmung mit den Verbänden erarbeitet. Sie machen deutlich, dass es uns um die Vermittlung eines grundlegenden Verständnisses von Wirtschaft geht und damit um die Fähigkeit, sich in unserer Welt zurechtzufinden. Es geht ja auch darum sich diese Welt überhaupt erst erschließen zu können. Ziel ist es nicht, mit Schülerinnen und Schülern Aktienkurse zu berechnen, es geht vielmehr darum, Grundkenntnisse der sozialen Marktwirtschaft als wichtigen Teil unserer Gesellschaft zu vermitteln. 

 

Auch das Lehramtsfach soll angepasst werden: Aus „Sozialwissenschaften“ wird „Wirtschaft-Politik“ bzw. „Wirtschaft-Politik/Sozialwissenschaften“ für das gymnasiale Lehramt. Was bedeutet das für Lehrkräfte, die Sozialwissenschaften studiert haben?

Das bisherige Fach „Sozialwissenschaften“ wird als Lehramtsfach „Wirtschaft-Politik“ lehramtsspezifisch neu profiliert. Auch hier kann es lediglich um eine angepasste Schwerpunktsetzung gehen. Wie das Schulfach wird auch das Lehramtsfach „Wirtschaft-Politik“ ein integratives Fach sein, das nicht auf den Bereich Wirtschaft beschränkt ist. Es werden also weiterhin alle Teilbereiche der Sozialwissenschaften bestehen bleiben. Die Anpassung des Lehramtsfaches ist mit Blick auf das neue Schulfach notwendig, weil ein Studiengang auf die jeweiligen Schulformen und die schulischen Inhalte ausgerichtet sein muss. Damit wird sichergestellt, dass künftige Lehrkräfte entsprechend den schulischen Anforderungen ausgebildet werden.

Für bereits ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer mit einer Lehrbefähigung für „Sozialwissenschaften“ werden aber keine Nachteile entstehen. Sie können auch das Fach „Wirtschaft“ bzw. „Wirtschaft-Politik“ uneingeschränkt unterrichten. Eine weitere Qualifizierung ist nicht notwendig. Unabhängig davon steht allen Lehrkräften die Möglichkeit zur Fortbildung offen.

Neben Zertifikatskursen als Weiterbildungsangeboten bestehen verschiedene Fortbildungsangebote der staatlichen Lehrerfortbildung zu speziellen Themen im Bereich „Wirtschaft-Politik“.

 

Müssen Studierende, die derzeit das Lehramtsfach „Sozialwissenschaften“ studieren, jetzt das Fach wechseln?

Nein. Natürlich können Studierende, die das Fach in seiner bisherigen Profilierung studieren, ihr Studium mit einem entsprechenden Abschluss beenden. Sie werden auch in Zukunft in den Vorbereitungsdienst an Schulen übernommen. Unterrichten werden sie dann natürlich das Fach „Wirtschaft“ oder „Wirtschaft-Politik“.

Die akkreditierten Studiengänge können für bereits eingeschriebene Studierende weiter angeboten werden. Die in den nächsten Jahren dort noch zu erwerbenden Abschlüsse behalten ihre Gültigkeit.

 

Das Interview führte Marie-Luise Kaiser, Ministerium für Schule und Bildung NRW.

 

Erklärvideo zum Schulfach Wirtschaft-Politik

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Schulfach Wirtschaft-Politik

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