Die Schülerinnen und Schüler der Sozialwissenschaftskurse 8 und 9 der Conrad-von-Ense-Schule führten unterstützt von „sozialgenial – Schüler engagieren sich“ ein Flüchtlingsprojekt in ihrer Gemeinde durch. Das Projekt wurde für alle Beteiligten, Flüchtlinge, Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte sowie Enser Bürgerinnen und Bürger ein Beispiel für gelingende Integration, echte Gastfreundschaft und ehrenamtliches Engagement.

Von Daniel Keil

Daniel Keil ist Lehrer für Sozial­wissen­schaften und Ge­schichte an der Sekundar­schule Conrad-von-Ense-Schule in Ense. (© Daniel Keil)

Im „Conrads“, der Mensa der Conrad-von-Ense-Schule, stehen auf den Tischen Knabbereien und Gesellschaftsspiele bereit. Ein Kickertisch wird gerade noch von Güktug und Pascale hereingetragen, während Pia gemeinsam mit Alexander die Getränke bereitstellt. Zwei Frauen von der Caritas sortieren gesammelte Kleidungsstücke auf einem langen Tisch im hinteren Bereich des Raumes. Ich mache mich mit dem von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Kleinbus auf den Weg, um die an diesem Nachmittag wichtigsten Menschen abzuholen: die in Ense lebenden Flüchtlinge. Sie sind von den Schülerinnen und Schülern zu einem gemeinsamen Spielenachmittag eingeladen worden. 15 Männern aus Afghanistan, Syrien, Guinea, Eritrea, Algerien oder Serbien zaubert dieser Nachmittag ein Lächeln auf die Gesichter, die sonst geprägt sind von schrecklichen Erlebnissen in der Heimat und auf der Flucht, von Zukunftsangst und Langeweile.

Aller Anfang ist schwer

Zu Beginn des Projekts stellte sich in einem Brainstorming heraus, dass meine Schülerinnen und Schüler aus den Sozialwissenschaftskursen nicht besonders gut über die Situation der Flüchtlinge informiert waren. Das änderte sich schnell: Sie recherchierten im Internet, warum und woher die Flüchtlinge zurzeit kommen und welche Probleme sie in Deutschland haben. Bei der letzten Frage bekamen sie heraus, dass es vor allem Zukunftsängste, Langeweile, Sprachprobleme und wenig Kontakt zur Bevölkerung sind, die die Flüchtlinge belasten. Und genau da sollte angesetzt werden, auch wenn bei den Schülern Bedenken blieben, wie man überhaupt an die Flüchtlinge in Ense herankommen sollte. Ich schlug vor, Steckbriefe zu erstellen, auf denen sich die Schülerinnen und Schüler den Flüchtlingen vorstellen und ihnen auf der Rückseite persönliche Fragen stellen.

Besser kennenlernen. (© Daniel Keil)

Für die gute Sache werben

Um unser Projekt im Ort bekannt zu machen und für Spenden zu werben, organisierten wir einen Tag der offenen Tür in unserer Schule. Den Besucherinnen und Besuchern wurden Weihnachtsplätzchen und Crêpes angeboten. Die Resonanz für unser Projekt war sehr positiv. Es stellte sich auch heraus, dass viele Enser Bürger gar nicht wussten, dass Flüchtlinge in ihrer Nachbarschaft leben. Der Tag der offenen Tür brachte über 100 Euro Spenden. Durch diesen Erfolg zusätzlich motiviert, begannen die Schülerinnen und Schüler mit der konkreten Planung für zwei Events: ein gemeinsames Fußballspiel und ein Spielenachmittag mit den Flüchtlingen.

Die Vorbereitung

Alexander, Paulina, Felix, Sina, Fabian und Emily nach getaner Arbeit mit der sortierten Kleidung für die Flüchtlinge. (© Daniel Keil)

Es wurden Aufgabenlisten erstellt, Termine vereinbart und ein Netzwerk von Projektunterstützerinnen und -unterstützern aufgebaut. Für das gemeinsame Fußballspiel in der Sporthalle war schnell klar, dass für die Flüchtlinge Hallensportschuhe besorgt werden mussten. Also organisierten Alina, Laura und Lara eine Sammelaktion für Sportschuhe und Kleidung. Plakate und Zeitungsartikel wurden geschrieben, um bei den Enser Bürgerinnen und Bürgern für Spenden zu werben. An drei Nachmittagen sammelten die drei Schülerinnen so viele Säcke mit Kleidern und Schuhen, dass der zur Verfügung gestellte kleine Lagerraum aus allen Nähten platzte und alle teilnehmenden Flüchtlinge passende Sportschuhe fanden und auch Kleidung mit nach Hause nehmen konnten. Die restlichen Kleidungsstücke wurden der Enser Kleiderstube gespendet. Die Einladungen wurden in fünf Sprachen übersetzt, unter anderem ins Arabische. Brigitte Kösling, die für Flüchtlinge zuständige Mitarbeiterin der Gemeinde Ense, leitete sie anschließend an alle Flüchtlinge weiter.


Don't stop this!

In den Pausen wurde sich ausgetauscht.  (© Daniel Keil)

An beiden Terminen nahmen jeweils mehr als zehn Flüchtlinge teil. Ohne persönliche Kontakte und Gespräche, bei denen so manche Missverständnisse und Bedenken ausgeräumt werden konnten, wären sicher nicht so viele Flüchtlinge gekommen. Ein junger Algerier dachte beispielsweise, dass im Januar bei Minusgraden draußen Fußball gespielt würde und wollte deshalb nicht kommen.

Letztlich waren es aber zwei tolle Nachmittage, an denen in gemischten Teams Flüchtlinge mit Schülern spielten, passten, dribbelten, flankten und Tore schossen. Es gab Shake-Hands, Spaß und Verständigung auf dem Feld und am Spielfeldrand, bei Bananen, Müsliriegeln und Getränken. „Don't stop this!“ sagte ein Flüchtling als er sich verabschiedete und das war die Aufforderung an die Schülerinnen und Schüler sowie den Lehrer, die Aktionen fortzusetzen.

Für alle war es ein gelungener Fußballnachmittag. (© Daniel Keil)

Und es geht weiter

Zum Glück gab es bereits einen Kontakt zum Trainer der ersten Fußballmannschaft des Sportvereins TUS Niederense Sivi Sivayoganathan. Er sprach mit dem Vorstand, so dass die Flüchtlinge ab sofort einmal im Monat gemeinsam mit der ersten Mannschaft Fußball spielen können. Einzelne Flüchtlinge nehmen inzwischen sogar am regulären Training teil. Fußballschuhe und Trainingskleidung wurden von Mannschaftskameraden oder der Caritas gestellt. Die engagierte Arbeit der Schülerinnen und Schüler wird nun durch eine Bürgerinitiative in Ense fortgeführt. In der Schule ist die Idee entstanden,im nächsten Schuljahr eine Schülerfirma zu gründen, die mit ihren Einnahmen weitere soziale Projekte realisieren soll.

Mit den neuen Nachbarn auf dem Fußballplatz des TuS Niederense trainieren. (© Daniel Keil)

Miteinander sprechen schafft Verständnis

Von Anfang an war es das Ziel des Projekts, ein Zeichen zu setzen, dass auch mit wenigen Mitteln viel für Flüchtlinge erreicht werden kann. In der Abschlussveranstaltung unter dem Motto „Flüchtlinge werden Nachbarn“ informierten wir die Öffentlichkeit über Flüchtlingspolitik, die Situation der Flüchtlinge und stellten unser Projekt vor. Dabei präsentierten wir eine Wanderausstellung von „Jugendliche ohne Grenzen“, in der Flüchtlingspolitik aus der Perspektive der Flüchtlinge selbst gezeigt wurde. Anschließend fand eine Podiumsdiskussion mit fünf Experten zum Thema statt, die ich gemeinsam mit den Achtklässlern Pia, Alexander und Pascale moderierte. Zu Gast waren Vertreterinnen und Vertreter der Flüchtlingshilfe, der Ausländerbehörde und der Gemeinde. Es entstand eine kontroverse Diskussion bei der auch das Publikum zu Wort kam.

Zum Abschluss eine Podiumsdiskussion mit Experten zur Flüchtlingspolitik. (© Daniel Keil)

„Ich habe heute mit meinem Onkel über das Thema gesprochen. Er war sehr kritisch, doch ich konnte ihm erklären, warum unser Projekt so wichtig ist“, erzählte Alexander bei einem Vorbereitungstreffen für die Podiumsdiskussion. Diese Worte machen deutlich, was das Projekt bei den Schülerinnen und Schülern bewirkt hat. Sie können mitreden und begründet argumentieren, lernten nicht nur distanziert etwas über Migration, sondern waren mittendrin als Akteure in einem politischen Prozess. Schülerinnen und Schüler, die ehemals viele Ängste und auch Vorurteile hatten, verinnerlichten über den Kontakt zu Asylbewerberinnen und -bewerbern und die praktische gemeinsame Arbeit, dass soziales Engagement großen Spaß macht. Sie sind an diesem Projekt gewachsen.

Ich hoffe, dass andere Schulen, Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte unserem Beispiel folgen und auf Flüchtlinge zugehen. Wer Fragen zu unserem hat, kann mich gerne per E-Mail kontaktieren: danielkeil.schule [at] googlemail.com