Eine Schülergruppe betrachtet zusammen mit einer Lehrerin einen Globus.

Mehrsprachigkeit unterstützt den Bildungserfolg der Kinder

Mehrsprachigkeit und Herkunftssprache – unsere Lebenswelt ist nicht einsprachig geprägt. Das Landesprogramm „Grundschulbildung stärken durch HSU“ fördert die Schulentwicklung vor dem Hintergrund der Mehrsprachigkeit.

[Schule NRW 07/08-22]

Die Schulwirklichkeit in Nordrhein- Westfalen zeigt, dass viele Familiensprachen in einer Grundschule vorhanden sind – in zahlreichen Grundschulen neben Deutsch bis zu 19 weitere Sprachen. Nahezu die Hälfte der Schülerinnen und Schüler sprechen noch mindestens eine weitere Sprache. Diese Familiensprachen sind somit Teil des schulischen Alltags.

Der Herkunftssprachliche Unterricht (HSU) in NRW leistet vor diesem Hintergrund seit vielen Jahren einen wertvollen Beitrag zur Umsetzung der Allgemeinen Erklärung der Sprachenrechte von 1996, in der unter anderem das persönliche Recht auf den Gebrauch der eigenen Sprache betont wird. Dieses Unterrichtsangebot sichert die individuellen Kompetenzen in einer Herkunftssprache und fördert zugleich die kulturelle und sprachliche Identität.

Lehrkräfte in den Schulen arbeiten seit Jahren daran, ihre Unterrichtsgestaltung hinsichtlich der Sprach(en)bildung mit den Lernausgangslagen der Schülerinnen und Schüler abzustimmen und anzupassen. Die Herkunfts- oder Familiensprachen unserer mehrsprachigen Gesellschaft haben Eingang in vereinzelte didaktische Konzepte gefunden, die teilweise im Verbund mit anderen Schulen, teilweise auch isoliert umgesetzt werden.

Integriert man alle sprachlichen Kenntnisse, also auch die der Herkunfts- oder Familiensprachen und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler, in den Unterrichtsprozess, führt dies, besonders bei der Alphabetisierung in der Primarstufe, zu einem vertieften Sprachbewusstheit und Sprachlernkompetenz.

Aufbauend auf den Erkenntnissen des HSU und den Erfahrungen einiger Grundschullehrkräfte bietet das Landesprogramm „Grundschulbildung stärken durch HSU – Mehrsprachigkeit unterstützt den Bildungserfolg der Kinder“ einen mehrdimensionalen Ansatz. So wird den sprachlichen Rechten von Kindern mit nicht-deutscher Herkunftssprache durch ein didaktisches Konzept Rechnung getragen. Das gemeinsame und kooperierende Unterrichten einer Grundschullehrkraft und einer Lehrkraft aus dem Herkunftssprachlichen Unterricht, zum Beispiel durch mehrsprachige kontrastive Einbindung des Grundwortschatzes im Unterricht unter Wahrung aller linguistischen Perspektiven, ist ein Aspekt didaktischer Entwicklungen.

 

Das Landesprogramm

Mit dem Landesprogramm „Grundschulbildung stärken durch HSU – Mehrsprachigkeit unterstützt den Bildungserfolg der Kinder“ hat das Ministerium für Schule und Bildung ergänzend zum bestehenden Herkunftssprachlichen Unterricht ein schulfachlich anspruchsvolles Bildungsprogramm initiiert. Mehrsprachige und mehrkulturelle Unterrichts- und Schulentwicklung durch Einbindung der Herkunftssprachen in schulische Sprachbildungsprozesse zu gestalten, stellt einen zentralen Aspekt dieses Programms dar.

Koordiniert wird dieses Schulentwicklungsprogramm durch die Landesstelle Schulische Integration (LaSI). Die Umsetzung erfolgt in enger Kooperation mit dem Schulministerium und der Schulaufsicht in NRW. Weitere wichtige Kooperationspartner sind die Kommunalen Integrationszentren der teilnehmenden Schulämter.

Mit Beginn des Schuljahres 2022/23 nehmen 68 Grundschulen aus 32 Schulämtern aus allen fünf Bezirksregierungen im Land Nordrhein- Westfalen am Programm teil.

Ziel ist, mit Unterstützung der Schulaufsicht, der Fachberaterinnen und -berater Integration durch Bildung und durch die Landesstelle Schulische Integration mit diesem Sprachbildungsprogramm eine mehrsprachige Unterrichtsentwicklung durch gemeinsames kooperierendes Unterrichten einer Lehrkraft aus dem Herkunftssprachlichen Unterricht und einer Grundschullehrkraft zu initiieren und zu fördern. Hierfür erhält jede teilnehmende Grundschule zusätzlich eine volle HSU-Stelle. Die Umsetzung dieses gemeinsamen Lehrens und Lernens kann in allen Fächern der Schule erfolgen. Die damit verbundenen und regional unterschiedlichen mehrsprachigen Sprachbildungskonzepte bedeuten für die gesamte Schulgemeinde eine Herausforderung. Um sie erfolgreich zu bewältigen, stehen programmbezogene Unterstützungsangebote bereit, die zukünftig auch weiterentwickelt werden müssen.

Auf regionaler Ebene findet für die teilnehmenden Schulen eine schulfachliche Begleitung und ein Austausch mit der Fachberatung Integration durch Bildung des jeweiligen zuständigen Schulamtes statt. Die notwendige Fachexpertise erhalten die Fachberaterinnen und Fachberater durch ein modularisiertes und aufbauendes Unterstützungsangebot zur mehrsprachigen Unterrichts- und Schulentwicklung. Die Landesstelle Schulische Integration stellt den Austausch und der Kompetenztransfer unter den Fachberaterinnen und Fachberater untereinander sicher, mit dem Ziel, Grundlagen und mehrperspektivische Inhalte für standortbezogene und teilweise unterschiedliche Mehrsprachigkeitsprogramme der Grundschulen kennenzulernen, fachlich zu vermitteln und inhaltlich beratend darzustellen

Das Landesprogramm „Grundschulbildung stärken durch HSU“ ist auf überfachliche Kooperation angelegt. Jede teilnehmende Grundschule erhält pro Zug in der Jahrgangsstufe 2 jeweils zwei mehrsprachige Bücherkoffer für ein außerunterrichtliches Angebot. Diese „Bücherkoffer NRW“ sind integraler Bestandteil dieses Landesprogramms. Das gemeinsame Lesen mehrsprachiger Literatur der Eltern mit ihren Kindern leistet einen wesentlichen Beitrag zur Lesekultur im Elternhaus. Die Kolleginnen und Kollegen der teilnehmenden Kommunalen Integrationszentren ermöglichen innerhalb des Programms diesen „rollenden Bücherkoffer NRW“ und arbeiten eng mit den Schulen und den Fachberaterinnen und Fachberatern zusammen.

Nach Überarbeitung des bestehenden Programms „Rucksack Schule“ unterstützt dieses Angebot ebenfalls die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft innerhalb des Gesamtprogramms.

Ziele des Landesprogramms

Zentrale Zielperspektiven von „Grundschulbildung stärken durch HSU“ sind die Förderung der deutschen Bildungssprache und die Erweiterung der bildungssprachlichen Kompetenzen der Herkunfts- oder Familiensprachen. Es geht wesentlich darum die Kenntnis über sprachliche und somit auch kulturelle Identitäten zu stärken. Zudem erweitert eine mehrperspektivische Sicht den Wissenserwerb dadurch, dass ein Unterrichtsgegenstand aus einer kulturell anderen Perspektive betrachtet und erarbeitet wird.

Diese Form des gemeinsamen Lehrens und Lernens einer Lehrkraft des Herkunftssprachlichen Unterrichts und einer Grundschullehrkraft leistet so einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der Teilhabe und sozialen Integration aller Schülerinnen und Schüler in unserer mehrsprachigen Gesellschaft.

 

Ausblick

Fachkolloquien und Fachtagungen mit den teilnehmenden Schulen, den Erziehungsberechtigten, den Schulaufsichten und Kooperationspartnerinnen und
-partnern zur Unterrichts- und Schulentwicklung ermöglichen die Präsentation und Weiterentwicklung von inhaltlichen und strukturellen Perspektiven einer Mehrsprachigkeit im Sinne der Multiliteralität.

Das Landesprogramm „Grundschulbildung stärken durch HSU“ ist Teil des Masterplans Grundschule. Die Kernfrage, wie Schule individuelles Lernen dauerhaft gut unterstützen kann, stellt sich entsprechend gesellschaftlicher Entwicklung immer wieder neu. Schulgesetzlich und ethisch fundiert ist es Auftrag aller am Bildungsprozess beteiligten Personen.

Die Familien- und Herkunftssprachen von mehrsprachigen Schülerinnen und Schülern so in das Unterrichten einzubinden, dass eine Verbesserung des fachlichen Lernens durch sprachübergreifende Vermittlung ermöglicht wird, öffnet neue, mitunter unbekannte Lernwege. Die Akzeptanz dieser individuellen Lernwege ist ein besonderes Anliegen dieses Sprachbildungsprogramms zur Mehrsprachigkeit in der Grundschule.

Das Schaubild zeigt das Zusammenspiel in der Arbeit der LaSI NRW zusammen mit der Schulaufsicht, den Erziehungsberechtigten und Kooperationspartnerinnen und -partnern.

Autoren: Manfred Höhne und Christiane Wengmann, Landesstelle Schulische Integration