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Nachgefragt - Der MSB Podcast - Startchancen-Programm Säule III

Grafische Darstellung eines Mikrofons, daneben der Schriftzug "Nachgefragt - Der MSB Podcast"
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26:09 Minuten
27. Februar 2026

Über 900 Schulen erhalten bis in das Jahr 2034 finanzielle Mittel von Bund und Land, um die Bildungs- und Chancengerechtigkeit zu erhöhen. Drei Säulen finanzieren Investitionen in die Lernumgebung, Chancenbudgets und zusätzliches Personal. Zielvereinbarungen, Netzwerke, Fortbildungen und evidenzbasierte Maßnahmen stärken Basis-, Sozial- und Zukunftskompetenzen nachhaltig an Schulen in herausfordernden Lagen im Land. Wie das genau funktioniert, darüber informieren der Programmleiter aus dem Schulministerium und zwei Schulleitungen, die am Startchancenprogramm teilnehmen.

Podcast 13 – Startchancen-Programm

Aufnahme vom 29. Jan. 2026 im Ministerium für Schule und Bildung NRW (MSB)

Moderator: Ralf Dolgner, Referatsleiter Ref. 126, Amtsblatt, Öffentlichkeitsarbeit, MSB

Interviewpartnerinnen und -partner: Martin Teuber, Referat 33, MSB, Vera Glunz, Grundschule Brüder-Grimm in Mülheim an der Ruhr und Martin Kloos, Hauptschule Wächtlerstraße in Essen

Dolgner:

Da sind wir wieder mit einer weiteren Folge für „Nachgefragt – der MSB Podcast“.

Heute geht es um das Startchancen-Programm. Seit 2025 nehmen hier in NRW mittlerweile über 900 Schulen an dem Programm teil. Und das Startchancen-Programm ist ja ein wirkliches Schwergewicht. Der Bund stellt über einen Zeitraum von 10 Jahren rund 10 Milliarden Euro zur Verfügung. Davon sind rund 2,3 Milliarden Euro für Nordrhein-Westfalen bestimmt und NRW selbst gibt natürlich auch noch mal 2,3 Milliarden in den Topf. Sehr viel Geld also, um Schulen dabei zu unterstützen, den Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern von ihrer sozialen Herkunft zu entkoppeln.

Wie das Startchancen-Programm in NRW umgesetzt wird, darüber sprechen wir heute mit Martin Teuber aus dem Schulministerium.

Teuber:

Guten Tag Herr Dolgner.

Dolgner:

… und zwei Schulleitungen, die schon im Programm eingebunden sind. Herzlich Willkommen Vera Glunz.

Glunz:

Danke für die Einladung.

Dolgner:

Sie sind von der Grundschule Brüder-Grimm in Mülheim an der Ruhr und Hallo auch an Martin Kloos von der Hauptschule Wächtlerstraße in Essen.

Kloos:

Ich freue mich hier zu sein. Hallo.

Dolgner:
Mein Name ist Ralf Dolgner aus dem Referat für das Amtsblatt, die BASS und die Öffentlichkeitsarbeit im Schulministerium, und die erste Frage geht an den Kollegen Teuber.

Herr Teuber, was war eigentlich Ihr erster Gedanke, Ihr Gefühl, als Sie den Arbeitsauftrag erhielten und klar war, das Programm aufzusetzen und dann auch diese Summe gilt es nun zu verteilen.

Teuber:
Ja, das hat einen schon ins Nachdenken gebracht. Denn diese Größenordnung, wir reden hier ja wirklich über Milliarden, das ist ja zunächst mal eine völlig abstrakte Zahl. Und zugleich dachte ich mir dennoch: toll, wirklich bereichernd, eine herausfordernde Aufgabe, sicherlich auch sehr verantwortungsvoll. Aber wichtig, weil das Ziel einfach ganz zentral und wichtig ist für unsere Schülerinnen und Schüler, um eine nachhaltige und wirksame Schulentwicklung zu unterstützen für Schulen in herausfordernden Lagen.

Dolgner:

Das hängt natürlich von bestimmten Faktoren ab. Darüber reden wir heute hier. Was soll denn an den Schulen passieren?

Teuber:

Ja, zunächst vielleicht noch mal allgemein: Das Programm soll nachhaltig dazu beitragen, die Bildungs- und Chancengerechtigkeit unserer Kinder zu erhöhen und den starken Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg zu vermindern. Das gelingt insbesondere eben durch die gezielte Förderung von sprachlichen und mathematischen Basiskompetenzen sowie der Förderung von sozial-emotionalen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern. Und gerade mit Blick auf die älteren Schülerinnen und Schüler wollen wir im Zusammenhang mit der Berufsorientierung unterstützen, Orientierung bieten und die Ausbildungsfähigkeit der jungen Menschen fördern und verbessern.

Dolgner:
Das Ganze steht ja auf drei Säulen. Die erste Säule: das Investitionsbudget – was ist das denn, was passiert hier?

Teuber: 
Die Kinder und Jugendlichen, das kennen wir von Schulen in herausfordernden Lagen, haben vielfach zuhause eben keine guten Lernbedingungen. Sie haben häufig keinen ungestörten Platz zum Lernen oder können sich nicht in Ruhe auf ihre Aufgaben und Arbeiten konzentrieren. Und das ist ein Teil, wie Sie schon sagten, die erste Säule im Startchancen-Programm. Es geht um weitere Anschaffungen auf Seiten der Schulen mit Unterstützung der Schulträger für mehr und andere Lernräume und Gelegenheiten für anregungsreiche Lernumgebungen in Schulen, für lernförderliche Settings. Das alles zu entwickeln und zu verbessern, dafür ist Säule 1 da.

Dolgner:

Also da geht es quasi auch ganz viel um bauliche Maßnahmen.

Teuber:

Das kann man so sagen. Genau. Es geht letztlich darum, Schulen zu Lern- und Lebensorten zu entwickeln. Vielfach ist ja auch in den letzten Jahren da schon viel geschehen, aber das Programm soll eben zusätzliche Mittel in Säule 1 zur Verfügung stellen, um das zu fördern und zu unterstützen.

Dolgner:

Säule Nummer 2 heißt Chancenbudget – was bedeutet das?

Teuber:

Das Chancenbudget ist nach meinem Dafürhalten das Herzstück des Programms, weil über dieses Budget unmittelbar und direkt Schul- und Unterrichtsprozesse und Entwicklungen in Schulen adressiert werden. Das heißt, das Chancenbudget kann unter anderem für Maßnahmen zur Verbesserung eben der sprachlichen und mathematischen Basiskompetenzen verwendet werden, aber auch zur Förderung der sozial-emotionalen Fähigkeiten. Mit den Mitteln können die Schulen bedarfsorientiert Lernmaterialien anschaffen, Diagnosetools und Instrumente oder aber auch pädagogische und systemische Beratung einkaufen und vieles weitere mehr.

Dolgner:

Säule Nr. 3 - zusätzliches Personalbudget ist da gemeint. Ja, was genau ist denn da gemeint?

Teuber:

Mit diesem Budget aus Säule 3 verstärkt das Programm den Aufbau von sogenannten Multiprofessionellen Teams in den Schulen. Wir wissen ja alle, dass insbesondere verschiedene Professionen im besten Falle zusammen agieren und unterstützen sollten, um Schülerinnen und Schüler zu fördern. Und mit diesen Geldern können eben zusätzliche Fachkräfte unterschiedlicher Professionen an den Schulen eingestellt werden, die das Lehren und Lernen unterstützen, z. B. sozialpädagogische Fachkräfte oder Schulsozialarbeiterinnen oder Schulsozialarbeiter. Landesweit stehen dafür 923 zusätzliche Stellen für die Startchancen-Schulen zur Verfügung.

Dolgner:

Wie wird denn ermittelt, welche Schule überhaupt mitmachen muss, soll oder kann?

Teuber:
Die Auswahl der Schulen in Nordrhein-Westfalen erfolgte anhand des wissenschaftsbasierten, schulscharfen Sozialindex. Das heißt, insbesondere wurden die Kriterien Armut und Migration als wesentliche Faktoren angelegt und damit orientieren sich letztlich diese Auswahlkriterien ja auch eng an den Zielsetzungen des Programms, denn es geht ja eben darum, Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten Kontexten in besonderer Weise zu fördern und so wurden eben über den Schulsozialindex Schulen ermittelt und dann in Abstimmung mit den Schulträgern zur Programmteilnahme eingeladen. Und vielleicht noch ein Hinweis bezüglich der Verteilung. Es sind alle Schulformen dabei, aber wir wollen bewusst einen besonderen Fokus auf die Grundschulen legen. 60 Prozent der adressierten Schülerinnen und Schüler sind an den Grundschulen und 40 Prozent an weiterführenden Schulen.

Dolgner:
Ist denn der Antrag kompliziert? Ist das mal wieder schön Bürokratie mit viel Papier?

Teuber:

Also um erstmal am Programm teilzunehmen, war kein Antrag im engeren Sinne notwendig. Aber natürlich mit Blick auf die drei Säulen, über die wir ja gesprochen haben, gibt es die Notwendigkeit, hier auch entsprechende Anträge zu stellen und die Verausgabung von Geldern auch zu dokumentieren. Wir haben dabei versucht, uns eng an dem Konstrukt der sogenannten „Mittel zum Aufholen und Ankommen nach Corona“ zu orientieren, um es für die Schulen möglichst einfach zu gestalten, und das Geld wird über die Schulträger verwaltet. Aber nochmals, natürlich ist mir klar, ganz ohne Anträge und Dokumentation geht es nicht. Ich denke, wir sind da aber auch der Öffentlichkeit und der Gesellschaft gegenüber rechenschaftspflichtig zu erklären, wie wir denn das ganze Geld von denen Sie ja am Anfang auch gesprochen haben, im Sinne der Schülerinnen und Schüler gut und wirksam ausgeben.

Dolgner:

Frau Glunz, Sie sind ja nun schon von Anfang an dabei mit Ihrer Grundschule. Ich nehme mal an, viel Papierkram war es dann hoffentlich nicht oder wie waren damals Ihre ersten Schritte?
Glunz:
Ja, wir haben uns natürlich auch erst gefreut. Da kann ich mich Herrn Teuber anschließen und haben dann natürlich, ja im Grunde als erste Kohorte, das Programm auch so ein bisschen mit aufgebaut und mit begleitet. Die Dinge waren ja nicht von Anfang an alle komplett fertig, sondern das ging ja alles so nacheinander. Und das erste war natürlich tatsächlich das Kollegium zu informieren, die Eltern da auch mitzunehmen über die Schulpflegschaft und die Schulkonferenzen und dann ging es auch schon gezielt daran, eine Stelle auszuschreiben und wir haben eine Schulsozialarbeiterin tatsächlich eingestellt. Danach ging es direkt weiter, dass wir überlegt haben, o.k., wir brauchen ein Startchancenteam für unsere Schule und wie muss das besetzt sein, damit wir alle Bereiche von Schule auch treffen bzw. mitnehmen können. Das heißt, es sind wirklich die Schulsozialarbeiterin, das Leitungsteam Schule, Leitungsteam OGS, Leitungsteam Familiengrundschulzentrum, Kinderrechtebeauftragte, Elternteile mit dabei, damit wir auch niemanden vergessen, wenn wir dann über Anträge entscheiden. Und die Anträge werden ja an uns gestellt dann wieder, also das war das, dieses Team zu gründen und auch die Menschen dafür zu begeistern da mitarbeiten zu wollen auch und nicht nur zu sehen, o.k., es ist herausfordernd, es ist viel Arbeit, es ist viel, aber es macht ganz viel Spaß. Also, wie toll ist das eigentlich?  

Dolgner:

Ja, wunderbar. Herr Kloos, wie sieht das an Ihrer Schule aus? Sie sind ja ganz neu dabei. Haben Sie das ähnlich angestellt? Erstmal Netzwerk aufbauen oder wie war das? 

Kloos:
Genau, also wir sind jetzt sozusagen in der Kohorte 2 gewesen. Wir sind jetzt im Prozess so weit, dass wir die Zielvereinbarung abgeschlossen haben, aber ich habe das ähnlich angefasst wie Frau Glunz. Ich sage auch noch einmal Danke an die 1. Kohorte, weil wir haben durchaus davon profitiert von den Erfahrungen, die damals gemacht worden sind. Ich sehe mich selber als eine Art Projektleiter, also ich habe eine Steuergruppe, ich habe eine SCP-Gruppe, wo dann auch ähnliche Mitglieder sind, wie die, die Frau Glunz gerade angesprochen hat. Diese Gruppe hat sich mit meiner Mithilfe um die Standortbestimmung und auch um die Zielvereinbarung gekümmert. Ich bin dafür da, den Verlauf und die Abstimmungsprozesse zu koordinieren und natürlich im Endeffekt die Entscheidungen zu treffen. Darüber hinaus übernehme ich dann die Kommunikation und die Koordinierung mit dem Schulträger in allen Belangen, ich kümmere mich natürlich um die Säule 3, d.h. wir dürfen eine Stelle für eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter im Multiprofessionellen Team einstellen und was auch noch hinzukommt, was ich sehr interessant finde, ich filtere durchaus Anfragen, die von Extern kommen. Ich finde da hat sich so eine Art Goldgräberstimmung entwickelt von externen Trägern, die natürlich von diesen ganzen Geldern profitieren wollen. Einige sind durchaus interessant, andere sind, wo ich dann denke, o.k., delete! Aber, es ist durchaus interessant, wie viele Anfragen kommen. 

Dolgner:

Wenn uns jetzt Schulen zuhören, die sich hier jetzt auch auf den Weg machen, Frau Glunz, Herr Kloos, was können Sie denen empfehlen? Was sollte man machen?

Glunz:

In diesem Sinne, wie der Herr Kloos das gerade schon gesagt hat, vernetzt euch, stellt Fragen, wählt aus der Vielzahl der Angebote passende für eure Schule aus, erstellt die Zielvereinbarung mit allen an Schulen Beteiligten, steuert nach, evaluiert datengestützt, überlegt, wie Projekte nachhaltig verankert werden können, also auch in den Sozialraum wirken und wieder zurück, weil das ist ja eigentlich das wesentliche Ziel, was wir nachher ja auch erreichen wollen.   

Kloos:

Ich finde, was Frau Glunz gerade auch angesprochen hat, diese Netzwerkbildung, die finde ich unheimlich wichtig. Bei uns in Essen läuft das relativ gut. Wir vernetzen uns mit den Hauptschulen. Wir sind aber auch sehr gut vernetzt mit den anderen Schulen. Man profitiert und es spart `ne ganze Menge Arbeit. 

Dolgner:
Herr Teuber, wie kann denn das Ministerium bei dieser Angelegenheit die Schulleitungen jetzt in diesen Prozessen unterstützen?

Teuber: 
Mit einer Maßnahme wollen wir in ganz besonderer Weise die Schulleitungen unterstützen. Zurzeit läuft gerade an die Schulleitungsfortbildung „Schule leiten im Startchancenprogramm“. Wir haben für alle Schulleitungen im Startchancenprogramm für diese Maßnahme Plätze vorgesehen und es trifft so ein bisschen das, was Herr Kloos gerade gesagt hat, Stichwort: Ich fühle mich als Projektleiter. Genauso ist es auch ein Stückchen weit in dieser Fortbildung angelegt. Das heißt, man darf davon ausgehen, es ist weniger eine klassische Fortbildung, sondern kann vielleicht sogar eher als Projektmanagement-Coaching verstanden werden. Natürlich gibt es fachliche thematische orientierte Module. Das Programm läuft über ein gutes Jahr und es werden unterschiedliche Themen behandelt, aber es geht vor allen Dingen um Aspekte wie Teamentwicklung, Kommunikation. Es geht darum, eben innerhalb der Schule auch klar nochmal sich zu orientieren, in welche Richtung wollen wir gehen, welche Ziele haben wir, wie können wir sie umsetzen? Und das eben vor dem Hintergrund auch Daten, die in Schulen vorliegen systematisch und klug zu nutzen, um eben die Schulentwicklung im Sinne von Teamentwicklung und Projektsteuerung gut voranzutreiben.

Dolgner:
In diesem Zusammenhang hört man ja immer wieder das Wort „Maßnahmenpaket“? Was bietet denn das „Maßnahmenpaket“?

Teuber:

Ja, das „Maßnahmenpaket“, wenn Sie so wollen, ist eigentlich Teil dessen, was von Landesseite aus für die Startchancenschulen zur Verfügung gestellt wird. Ich hab‘ gerade kurz von der Schulleitungsfortbildung berichtet. Darüber hinaus Stichwort nochmal Vernetzen, Netzwerke sind wir gerade dabei in Abstimmung auch mit den Schulaufsichten fachliche Netzwerke für die Lehrkräfte aufzubauen, um eben das, was in dem Maßnahmenpaket an Angeboten für die Schulen bereitsteht, dann auch weiter zu unterstützen bei der Umsetzung, bei der Erprobung und die Schulen dabei zu begleiten. Was muss man sich also konkret darunter vorstellen? Es geht darum, dass wir als Land in Zusammenarbeit mit Wissenschaft und auch der Schulaufsicht Diagnose- und Förderinstrumente, die wissenschaftlich erprobt sind, evidenzbasiert sind, den Schulen zur Verfügung stellen wollen, als Angebot, um eben entsprechend vor Ort in Schule dann zu entscheiden, und das kann Schule am besten vor Ort, welche Angebote für die jeweiligen Programmziele in der Schule gut ausgerichtet sind und genutzt werden können.  

Dolgner:

Vielleicht nennen Sie mal zwei Beispiele dieser Art Förderung.

Teuber:

Also ich greife mal einfach ein Beispiel raus für den Bereich der Sekundarstufe-Einschulen, Stichwort "Mathe sicher können". Es geht um die Förderung mathematischer Kompetenzen, ein Programm, das von der TU Dortmund entwickelt wurde. Es sind erprobte und aufeinander aufbauende Diagnose- und Fördermaterialien, die eben insbesondere für Schülerinnen und Schüler der 5. und 7. Klasse ausgerichtet sind, die auch in besonderer Weise nochmal die sprachlichen, teilweise ja vorhandenen Barrieren der Schülerinnen und Schüler berücksichtigen an den Startchancen-Schulen und sie sollen eben mathematische Basiskompetenzen sichern. Wir haben aber auch nicht nur fachliche Angebote, sondern auch überfachliche Angebote im Maßnahmenpaket. Vielleicht ein Beispiel noch für die Grundschulen. Das Programm "Umbraise", ein Programm zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen. Auch das Programm wurde auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen, in dem Falle von der Uni Duisburg-Essen entwickelt und soll den Schulen konkrete Unterstützung bieten, um die letztlich ja doch vielfältigen Herausforderungen im Umgang mit Schülerverhalten, aber auch eben mit Unterstützungsmöglichkeiten im Kontext von emotional-sozialem Verhalten von Schülerinnen und Schülern hier zu unterstützen und diesen professionell zu begegnen.

Dolgner:

Frau Glunz, Sie an Ihrer Grundschule, was haben Sie im Hinblick auf oder im Hinblick für Ihre Schülerschaft schon anstoßen, umsetzen können?

Glunz:

Ja, dass wir die Schulsozialarbeiterin eingestellt haben, habe ich vorhin schon gesagt und im Moment kommen Dozenten und programmieren zum Beispiel mit Kindern über Lego Spike. Es wird viel getanzt. Es kommen Tanzlehrer und üben Hip-Hop-Choreografien mit den Kindern ein. Wir werden prozessbegleitet in der Schulentwicklung. Da lassen wir uns unterstützen und tatsächlich werden Kolleginnen von uns systemisch ausgebildet, damit im Grunde wirklich das systemische Coaching um die Idee des systemischen Miteinanders ins Denken und Handeln zu verankern einfach bei uns weiter. Was noch? Ein Sprachcafé. Eltern kommen regelmäßig zu uns. Das geht dann auch wieder in den Sozialraum hinein. Die treffen sich einmal in der Woche, das wird begleitet. Es geht um schulische Themen, es geht aber auch um private Themen, die die Menschen erleben und es geht darum, gemeinsam Deutsch zu sprechen und sich aufgehoben zu fühlen und da auch eine Bindung aufzubauen.

Dolgner:

Herr Kloos, im Rahmen von Lernstandserhebung fallen viele, viele Daten an, angefangen von irgendwelchen Noten und irgendwelchen Klassenarbeiten. Aber die sind ja dann auch letztlich hilfreich für die Unterrichtsgestaltung. Wie nutzen Sie an Ihrer Schule bereits die datengestützten Verfahren zur Schul- und Unterrichtsentwicklung und wie werden diese dann für die Umsetzung des Startchancenprogramms an Ihrer Schule nutzbar gemacht?

Kloos

Wir nutzen diese Daten, klar, also wir nutzen die Daten von den Klassenarbeiten vor allen Dingen von der VERA 8. Zusätzlich haben wir Einstandsdiagnosen in Jahrgang 5 in den Hauptfächern. Die nutzen wir und versuchen, gerade an den Kompetenzen, die bei uns nicht besonders gut ausgeprägt sind, zu arbeiten. Da sind natürlich Basiskompetenzen in Mathe, das ist das Leseverständnis in Deutsch. Und da gibt uns das Startchancen-Programm wirklich eine große Chance, das noch zu intensivieren. Ich nenne jetzt einfach noch mal als Beispiel: Im Regierungsbezirk Düsseldorf haben jetzt alle Hauptschulen sich auf den Weg gemacht, eine Lesezeit einzuführen und wir auch. Und da stehen wir vollkommen dahinter, weil wir wirklich denken, das ist ein gutes Tool zur Verbesserung von den Basiskompetenzen im Bereich Lesen. Und da können wir wirklich bestimmte Sachen finanzieren, sprich Bücher kaufen, die für unsere Schülerinnen und Schüler definitiv den Erfolg verbessern werden. Da sind wir uns sehr, sehr sicher.

Dolgner:

Und, Herr Kloos, an Ihrer Hauptschule, ich kann mir vorstellen, dass erfolgreiche Bildungsbiografien der Schülerschaft sich nicht ausschließlich in guten Basiskompetenzen in Mathe und Deutsch zeigen, sondern auch, wir haben es ja gerade schon von Frau Glunz gehört, in sozialen und emotionalen Kompetenzen. Wie hilft Ihnen da das Startchancenprogramm?

Kloos:

Das ist wirklich ein sehr wichtiges Thema für eine Hauptschule. Ich möchte nur kurz voranstellen, bevor hier ein falscher Eindruck entsteht, wir haben tolle Schüler insgesamt an der Hauptschule. Trotz allem benötigen sie natürlich noch vielfältige Unterstützung in bestimmten sozialen-emotionalen Bereichen. Wir arbeiten schon seit Jahren an diesen Kompetenzen mit Sozialtrainings, und der Bereich der Startchancen bietet uns diese große Chance, das noch weiter zu intensivieren, weil wir wirklich Gelder haben, wo wir die Schüler weiterhin fördern können in diesen Bereichen.

Dolgner:

Frau Grunz, Sie haben das vorhin schon ein bisschen ganz kurz mal angerissen, aber vielleicht haben Sie noch ein paar mehr Informationen. Alle relevanten Gruppen an Schulen haben wir ja mittlerweile angesprochen. Lehrer, Schüler, was ist mit den Eltern? Da haben sie schon gerade mal Hinweis gegeben aber sagen sie noch ein paar mehr Sätze dazu.

Grunz:

Ja wir haben das große Glück, dass wir seit 2021 bereits Familiengrundschulzentrum sind und somit hatten wir schon ein bisschen Vorlauf. Und wir merken, wie gut das dem System Schule insgesamt einfach tut und das ist einfach auch der Schlüssel. Ich kann das nicht anders sagen. Wir laden Eltern immer wieder ein. Mittlerweile ist es so, dass sie zu uns kommen und sagen, hey, ich kann das besonders gut, kann ich das machen? Und wie können wir das umsetzen? Und wir begleiten dabei. Und das ist einfach sehr, sehr schön zu sehen, was das macht, was das mit den Familien macht, was das mit den Kindern macht, wie die gestärkt sind.

Dolgner:

Wunderbar, das hört sich sehr gut an. Frau Glunz, wenn das Startchancen-Programm in 2034 ausläuft, wir hoffen, dass sich das irgendwie verlängert, aber angenommen, es läuft aus, was möchten Sie an Ihrer Grundschule erreicht haben?

Glunz:

Erst mal ein nachhaltiges Leben auch in dem Sozialraum. Das ist bei uns sowieso schon immer sehr wichtig gewesen oder ist wichtig. Aber da ein Standort zu sein, der im Grunde auch noch, wir werden gerade umgebaut und renoviert, das ist schon ziemlich lange, aber 2034 sind wir fertig, dann haben wir Lernhäuser, dann haben wir über Startchancen auch noch einen Sozial- und Bildungsort und Räume dafür geschaffen, wo dann die Sozialarbeit und auch das Familiengrundschulzentrum Angebote machen kann für Eltern, mit Eltern. Und dass es ein Ort ist, wo jeder gerne hingeht und ja, im Grunde, der von morgens bis abends ein guter Ort ist, um hinzugehen.

Dolgner:

Und dann haben wir auch andere Ergebnisse bei den Basiskompetenzen?

Glunz:

Auf jeden Fall, und vor allen Dingen auch bei den Zukunftskompetenzen - Basiskompetenzen und Zukunftskompetenzen. 

Dolgner:

Herr Kloos, und bei Ihnen an der Hauptschule bis 2034, was sind da so Ihre Ziele?

Kloos:

2034, das ist ja schon fast eine Vision. Eine Vision habe ich, dass alle Schülerinnen und Schüler morgens früh gerne aufstehen und sagen, ich will jetzt unbedingt in die Schule gehen. Wir wollen, dass unsere Schülerinnen und Schüler lieber zur Schule gehen als sie es heute machen, dass wir unsere Schule zu einem Heimatort machen, noch mehr als sie es jetzt schon ist für unsere Schülerinnen und Schüler. Wir wollen natürlich unsere Ziele erreichen, also sprich Verbesserung der Basiskompetenzen in Deutsch und in Mathe, was ich gerade schon angedeutet habe, mit den Förderungen der sozial-emotionalen Kompetenzen, aber natürlich auch den Übergang zwischen Schule und Beruf besser zu machen. Das heißt, wir wollen unsere Schüler fit machen. Wir machen da schon eine ganze Menge, aber durch Startchancen kriegen wir vielleicht noch mehr Mittel und noch mehr Geld hin, dass wir unsere Schüler genau in diesen Kompetenzen auch stärken, dass sie nach der 10. Klasse gerne einen Beruf übernehmen und das dann auch hinkriegen.

Dolgner:

Und wir merken es, wir kommen jetzt auch in diesem Gespräch auf die Zielgrade. Wenn wir über Ziele reden, Herr Teuber, so ein zeitlich langes und finanziell schweres Bildungsprogramm bietet den Schulen ja, wir haben es gerade gehört, bis 2034 langfristige Entwicklungsmöglichkeiten. Wie wird denn sichergestellt, dass nicht hier und da kurz was aufblitzt und es nicht von Dauer ist? Also Stichwort Nachhaltigkeit. Was kann man da machen?

Teuber:

Ja, das ist sicherlich etwas, was uns alle umtreibt, denn wir wissen, dass diese Zeiträume sehr lang sind. Die bieten viele Chancen, eben weil wir ein Programm haben, das über zehn Jahre läuft. Andererseits sind wir natürlich in der konkreten Ausgestaltung in Schule mit dem Kerninstrument der Zielvereinbarung unterwegs, um in der Tat einen Rahmen zu setzen, um Nachhaltigkeit zu fördern. Was meine ich damit? Zielvereinbarung, ein Instrument, das kam gerade auch schon kurz zur Sprache, das zwischen Schulleitung, Schulaufsicht und auch dem Schulträger geschlossen wird und in dem es darum geht, dass die Schulen klare Zielsetzungen vereinbaren und sich in dem Kontext natürlich auch Gedanken darüber machen, mit welchen Maßnahmen wollen sie das entsprechend umsetzen. Diese Zielvereinbarungen sollen aber nicht statisch sein, also heute schon für das Jahr 2034 geschlossen werden, sondern sie sollen eben in regelmäßigen Kooperations- und Entwicklungsgesprächen zwischen Schulleitung und Schulaufsicht immer wieder in den Blick genommen werden. Sie sind sozusagen Ausgangs- und Zielpunkt von schulischen Entwicklungsprozessen, und ich möchte an der Stelle einfach auch nochmal Mut machen, all denjenigen, die zuhören und die selber in schulischer Leitung oder Verantwortung sind, auch Vorhaben zu erproben, zu entwickeln und bei Bedarf diese Zielvereinbarung entsprechend anzupassen und zu verändern im Sinne der Schülerinnen und Schüler und von verbesserten Lernmöglichkeiten.

Eines ist mir in dem Zusammenhang aber noch mal ganz besonders wichtig. Ich bin mir sicher, das Startchancen-Programm wird nur dann nachhaltig erfolgreich sein, wenn wir uns allen unserer gemeinsamen Verantwortung für unsere Schülerinnen und Schüler bewusst sind. Ich benutze da in dem Zusammenhang gern das Wort der Verantwortungsgemeinschaft. Ich bin mir sicher, dass wenn wir alle, jeder und jede in seinen und ihren Arbeitskontexten und Arbeitsbereichen, sei es eben im Schulleitungsbüro, sei es im Klassenzimmer, sei es im Ganztag in der Betreuung, aber eben auch bei den Schulträgern in den Kommunen, in den Schulaufsichten und der Bildungsverwaltung, wenn wir uns alle darüber im Klaren sind, dass wir gemeinsam Verantwortung tragen für den Bildungserfolg unserer Schülerinnen und Schüler, dann, so bin ich mir sicher, wird das Programm erfolgreich sein und uns gelingen.

Dolgner:

Und dann sage ich Danke an Frau Glunz und Herrn Kloos, dass Sie beide hier waren und uns vom Startchancen-Programm erzählt haben. Wir wünschen uns, dass Sie Ihre Ziele im Sinne der Kinder und Jugendlichen erreichen. 

Glunz:

Danke. 

Kloos:

Dankeschön.

Dolgner:

Herr Teuber, ein Dankeschön auch an Sie und der Hinweis auf die Seite Schulministerium, also https://www.schulministerium.nrw/startchancen. Da findet man eine umfangreiche FAQ-Liste, ein Transkript von diesem Podcast, umfangreiche Informationen eben zum Startchancen-Programm und sicherlich alsbald auch, Herr Teuber, einen Terminhinweis.

Teuber:

Ja, genau. Wir planen einen sogenannten Wirkraum Startchancen. Im Mai wird das Ganze stattfinden. Geplant ist ein Online-Forum von Schulen für Schulen. Die Idee ist, dass wir Menschen aus der Praxis zusammenbringen, Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrer, Schulaufsicht und Schulträger, und wir wollen einen Raum bieten, um gute Praxisbeispiele vorzustellen und damit anderen Schulen im Startchancen-Programm konkrete Anregungen geben für wirksame Schulentwicklungsvorhaben.

Dolgner:

Dann sage ich Danke für das Zuhören, Danke nochmal fürs Mitmachen an die Beteiligten und bis bald, wir hören uns.