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Nachgefragt - Der MSB Podcast - Übergangslotsinnen und -lotsen als Teil des Programms Ausbildungswege NRW

Grafische Darstellung eines Mikrofons, daneben der Schriftzug "Nachgefragt - Der MSB Podcast"
Audio
12:36 Minuten
05. Mai 2026

Übergangslotsinnen und -lotsen unterstützen Schülerinnen und Schüler beim Übergang von der Schule in eine Ausbildung und einen Beruf. Das Angebot richtet sich vor allem an Schülerinnen und Schüler im sogenannten Übergangssektor, also an Berufskollegs und Berufsfachschulen. Wie das Angebot gestaltet und organisiert wird, erklärt Stefan Nüchter aus dem Schulministerium. 

Aufgezeichnet am 17. März 2026 in der Bibliothek des Ministeriums für Schule und Bildung des Landes NRW

Moderator: Ralf Dolgner – Referatsleiter 126 - Öffentlichkeitsarbeit - Publikationen, Fachinformationen, Amtliche Veröffentlichungen, Messen, www.lehrkraft-werden.nrw

Gesprächspartner: Stefan Nüchter – Referent Ref. 313 –  Berufsschule (Ausbildungsvorbereitung) und einjährige Berufsfachschule (Schulabschlüsse der Sekundarstufe I), Zusammenarbeit mit den Kirchen in Berufskolleg

Ralf Dolgner: uten Tag und herzlich willkommen zu unserer heutigen Folge von Nachgefragt der MSB-Podcast. Wir wollen heute über die sogenannten Übergangslotsinnen und -lotsen sprechen, die im Rahmen des Programms „Ausbildungswege NRW“ im Übergangssektor des Berufskollegs eingesetzt sind. Bei mir ist Stefan Nüchter, Referent im Referat 313 des Ministeriums für Schule und Bildung und dort zuständig für genau diese Bildungsgänge des Übergangssektors und in diesem Zusammenhang damit auch für die Übergangslotsinnen und -lotsen. Herzlich willkommen, Stefan Nüchter.

Stefan Nüchter: Vielen Dank, ich freue mich, hier zu sein.

Ralf Dolgner: Stefan Nüchter, könnten Sie uns zu Beginn gleich mal erklären, was genau denn eigentlich die Bildungsgänge des Übergangssektors am Berufskolleg sind?
Stefan Nüchter: Ja, gerne. Zu den Bildungsgängen des Übergangssektors zählen die vollzeitschulischen Bildungsgänge des Berufskollegs, in dem neben beruflichen Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten in sieben verschiedenen beruflichen Fachbereichen Schulabschlüsse der Sekundarstufe I absolviert werden können. Das sind konkret der Bildungsgang Ausbildungsvorbereitung in der Vollzeitvariante und die Berufsfachschulen 1 und 2. Im zuerst genannten Bildungsgang kann der Erste Schulabschluss erreicht werden, und in den Berufsfachschulen, die auch zur Ausbildungsvorbereitung einen sehr sinnvollen Anschluss schaffen, jeweils der Erste erweiterte Schulabschluss oder die Fachoberschulreife. Die Bildungsgänge sind also jeweils aufeinander bezogen. 

Ralf Dolgner: Das hört sich an, als hätten Jugendliche nach der Sekundarstufe I noch gute schulische Möglichkeiten am Berufskolleg.

Stefan Nüchter: Ja, so ist es. Viele Jugendliche, die die Sekundarstufe I verlassen und noch nicht sofort in eine Berufsausbildung starten können oder wollen, haben im Übergangssektor des Berufskollegs die Möglichkeit, sich in den entsprechenden Fachbereichen vorzubilden und ihre Schulabschlüsse zu erweitern. Theoretischer Unterricht und berufliche Praxis werden dabei eng verzahnt, um die Jugendlichen gut auf den Ausbildungsmarkt vorzubereiten. Schülerinnen und Schüler absolvieren Praktika, die nicht nur im Unterricht vor- und nachbereitet werden, sondern auch ein Teil des Unterrichtes sind. Ziel ist es, dass junge Menschen sich schnell und fundiert für eine Berufsausbildung entscheiden können und bestenfalls nach einem Schuljahr im Übergangssektor einen Übergang schaffen. 

Ralf Dolgner: Also, die Grundlagen haben wir jetzt erklärt. Wunderbar, vielen Dank. Aber was genau sind denn in diesem Zusammenhang dann Übergangslotsinnen und -lotsen und welche Rolle spielen sie?

Stefan Nüchter: Übergangslotsinnen und -lotsen sind Teil des sogenannten Programms „Ausbildungswege NRW“. Dieses Programm liegt in der Zuständigkeit des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales, das in Nordrhein-Westfalen „MAGS“ abgekürzt wird. Zugleich erhalten Betriebe Unterstützung bei der Besetzung ihrer freien Ausbildungsstellen.

Ralf Dolgner: Und welche Rollen spielen da jetzt die Berufskollegs? Wie sind diese eingebunden?

Stefan Nüchter: Die Übergangslotsinnen und -lotsen sind vor Ort an den Berufskollegs im Bereich des Übergangssektors angesiedelt und unterstützen dort die ausbildungsinteressierten Schülerinnen und Schüler auf dem Weg von der Schule in eine geeignete Berufsausbildung. Sie begleiten die Schülerinnen und Schüler in diesem Rahmen auch im Praktikum. Mithilfe von Übergangslotsinnen und -lotsen sollen also junge Menschen schneller und zielgerichteter den direkten Weg aus dem Übergangssektor in eine Ausbildung finden. Und das Angebot ist im Zuge der Fachkräfteoffensive NRW entstanden. 

Ralf Dolgner: ha, alles klar, und über wie viele Übergangslotsinnen und Übergangslotsen sprechen wir hier in Nordrhein-Westfalen?

Stefan Nüchter: Also, wir haben derzeit rund 132 Übergangslotsinnen und -lotsen seit Herbst 2023 in Nordrhein-Westfalen. Diese haben sich am Berufskolleg seitdem gut in die örtlichen Beratungsstrukturen integriert und unterstützen die Lehrkräfte an unseren Berufskollegs.      

Ralf Dolgner: ann haben also die Lotsen und Lotsinnen also eine Art „Scharnierfunktion“. Warum sind die Übergangslotsinnen und -lotsen derzeit ausschließlich auf die Schülerinnen und Schüler im Übergangssektor am Berufskolleg konzentriert?

Stefan Nüchter: Ja, richtig, also „Scharnierfunktion“ trifft es ganz gut. Ja, also, viele Jugendliche, die die betreffenden Bildungsgänge besuchen, haben einen noch besonderen Unterstützungsbedarf, sodass eine individuelle prozessbegleitende Beratung und Betreuung vielfach angebracht ist, um ihnen den Weg in Ausbildung und damit in ein erfolgreiches Berufsleben auch zu eröffnen. Und um dies zu gewährleisten, werden spezifisch flankierende Maßnahmen beim Übergang von der Schule in die berufliche Ausbildung benötigt. Darüber hinaus ist die Verweildauer der Jugendlichen innerhalb dieser Bildungsgänge derzeit noch recht hoch, also oft mehr als ein Schuljahr, so dass es auch aus ökonomischer Sicht – insbesondere in Anbetracht des Fachkräftemangels geboten ist –, ihr Potential für den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt auch zielgerechter zu erschließen. 

Ralf Dolgner: Ja, wunderbar, aber vielleicht können Sie mal ein konkretes Beispiel geben. Wie sieht denn die Arbeit ganz konkret aus von den Lotsinnen und Lotsen?

Stefan Nüchter: Ja, gerne. Ein starker Fokus liegt auf der Unterstützung der Schülerinnen und Schüler bei der Suche nach einem Praktikums- und Ausbildungsplatz. So führen Übergangslotsinnen und -lotsen zunächst einmal individuelle Beratungsgespräche mit den Schülerinnen und Schülern vor Ort am Berufskolleg. In diesem ersten Gespräch kann sich ergeben, dass zum Beispiel erst einmal eine Hilfestellung bei der individuellen Selbstorganisation, zum Beispiel bei der Suche nach einem Praktikumsplatz gegeben wird. Darüber hinaus begleiten die Übergangslotsinnen und -lotsen die Schülerinnen und Schüler selbstverständlich gern bei wichtigen Terminen, zum Beispiel bei einer ersten persönlichen Kontaktaufnahme bei einem potenziellen Ausbildungsbetrieb, zu dem es über die Übergangslotsinnen und -lotsen durch ihre Verortung in der Region im Idealfall auch schon Kontakte gibt. Natürlich unterstützen sie auch beim individuellen Bewerbungsprozess. Ganz konkret heißt das, die Bewerbungsunterlagen sichten und gemeinsam ggf. die Unterlagen aktualisieren und auch entsprechend anpassen.

Ralf Dolgner: Also, ich verstehe und ich glaube, das kann man jetzt auch draußen so mitnehmen, der Kurs geht ganz klar Richtung Berufsausbildung für die Schülerinnen und Schüler.

Stefan Nüchter: Ja, aber wichtig ist mir auch an dieser Stelle zu betonen, dass es sich bei den Unterstützungsangeboten der Übergangslotsinnen und -lotsen um freiwillige Angebote für ausbildungsinteressierte junge Menschen im Übergangssektor des Berufskollegs handelt. Jugendliche, die also ihren Schulabschluss weiterhin verbessern wollen, können dem auch nachgehen. 

Ralf Dolgner: Und immer, wenn Menschen zusammenarbeiten, gibt es ja auch mal, freundlich gesagt, Friktionen oder Herausforderungen. Welche können das sein zwischen Lehrkräften und Überganslotsinnen und -lotsen?

Stefan Nüchter: Ja, wie in jeder Zusammenarbeit, gibt es auch hier und da Herausforderungen. Das stimmt. Eine davon ist oft die Kommunikation und die Abstimmung zwischen den verschiedenen Beteiligten. Also, wir haben ja schon auch gelernt, das sind sehr viele. Hier ist es ist wichtig, dass Lehrkräfte und auch das weitere pädagogische Personal und eben die Übergangslotsinnen und -lotsen regelmäßig und offen miteinander kommunizieren, um die jungen Menschen bestmöglich und ausgehend von ihren Bedarfen zu unterstützen und zu verdeutlichen, dass alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Die Art der Zusammenarbeit kann auch regional, je nach Strukturen vor Ort, variieren und unterschiedlich ausgerichtet sein. Natürlich spielen auch die unterschiedlichen beruflichen Fachbereiche eine Rolle, die je also noch ihre eigenen Anforderungen mitbringen. Eine wichtige Herausforderung kann die Neuausrichtung der Zusammenarbeit der Teams vor Ort sein, denn Lehrkräfte oder beispielsweise Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen bekommen ja zusätzliche Unterstützung, die es in gewachsene Strukturen einzubinden gilt. Essentiell ist jedoch, die Zusammenarbeit als Mehrwert für die Unterstützung unserer Schülerinnen und Schüler wahr-zunehmen und zu erfahren. Gemeinsames Ziel unserer Bestrebungen ist es ja, Ausbildungsperspektiven zu eröffnen. Die Ausgestaltung orientiert sich dabei an den individuellen Bedarfen und den aktuellen Situationen der jungen Menschen und wird entsprechend abgestimmt. 

Ralf Dolgner: Sie haben von den Herausforderungen gesprochen. Sicherlich nicht einfach, aber sie lassen sich doch überwinden, oder? 

Stefan Nüchter: Ja, eine gute Möglichkeit, diese Herausforderungen zu überwinden, sind halt klare Strukturen, umfangreiche, klare und breite Kommunikation. In Absprache mit dem MAGS und dem MSB, der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit und den jeweiligen Akteuren vor Ort ist dieses Projekt in den bestehenden Strukturen, wie zum Beispiel auch der Berufsberatung, eingebunden und auch entsprechend verzahnt. Für alle Beteiligten ist es wichtig, dass die Schulleitung die Zusammenarbeit aktiv unterstützt und fördert, indem sie auch hier klare Strukturen und Kommunikationswege etabliert. Eine gute Grundlage bietet dafür z. B. auch der sogenannte Kooperationsvertrag, den Schulleitung und Übergangslotsinnen und -lotsen gemeinsam abschließen können. Mit diesem können direkt zu Beginn Aufgaben und Rollen auch geklärt werden. 

Ralf Dolgner: Und inwieweit braucht es da noch die zuständigen Ministerien?

Stefan Nüchter: Ja, das Ministerium für Schule und Bildung hat den Lehrkräften und auch den Übergangslotsinnen und -lotsen über die bekannten Webseiten umfangreiche Unterstützungsmaterialien sowie eine FAQ-Liste und eine Checkliste zur Verfügung gestellt, um den gemeinsamen Start und die Einbindung der Übergangslotsinnen und -lotsen in die eigenen schulischen Strukturen zu erleichtern. Diese finden sie auf der Internetseite von QUA-LiS NRW. Gute Projekte in Schule leben auch von Austausch und von Best-Practice-Beispielen und der Entwicklung gemeinsamer Strategien. Gemeinsam mit der fachlichen Programmleitung durch die G.I.B. NRW begleitet auch das MAGS gemeinsam mit dem MSB die Übergangslotsinnen und -lotsen landesweit. Es finden beispielsweise regelmäßige Online-Sprechstunden oder thematische Workshops für die Übergangslotsinnen und -lotsen statt. Und im vergangenen Jahr fand auch eine große Fachtagung im Rahmen des Programms „Ausbildungswege NRW“ statt. 

Ralf Dolgner: Stefan Nüchter, zum Schluss: Gibt es schon erste erfolgsversprechende Ergebnisse?

Stefan Nüchter: Das Konzept am Berufskolleg ist sehr erfolgreich angelaufen. Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Übergangslotsinnen und -lotsen haben uns schon zeitnah nach Projektstart zurückgemeldet, dass es sich bei diesem Konzept um ein gutes Instrument zur Anbahnung eines Ausbildungsverhältnisses handelt. Angesichts der steigenden Anforderungen und der zunehmenden Heterogenität in den Klassenzimmern werden die schulinternen und -externen Angebote zur beruflichen Orientierung und damit auch die Rolle der Übergangslotsinnen und -lotsen immer wichtiger. Sie können maßgeblich dazu beitragen, Ausbildungschancen zu verbessern und Bildungswege entsprechend zu individualisieren. 

Ralf Dolgner: Wunderbar, können Sie mal ein paar Zahlen nennen, die das jetzt hier verdeutlichen?

Stefan Nüchter: Gerne. Die Arbeit der Übergangslotsinnen und -lotsen wird regelmäßig durch das MAGS evaluiert. Im Jahr 2025 haben diese zum Beispiel rund 8.100 Schülerinnen und Schüler im Übergangssektor der Berufskollegs unterstützt und begleitet. Insgesamt konnten bislang 2.288 von ihnen in eine Ausbildung (das wäre zum Beispiel eine berufliche oder eine schulische Ausbildung, aber auch eine Einstiegsqualifizierung oder eine geförderte Berufsausbildung) vermittelt werden. Es gab auch entsprechende Ausbildungsperspektiven. Das sind zum Beispiel Maßnahmen der Berufsvorbereitung, Sprachkurse oder ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr oder die eben auch in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung einmünden. 

Ralf Dolgner: Stefan Nüchter, ich glaube, wir haben alles gesagt. Vielen Dank für Ihre Zeit und den Einblick in nur einen kleinen Teil des Programms „Ausbildungswege NRW“.

Stefan Nüchter: Ich bedanke mich auch.

Ralf Dolgner: Also, beim nächsten Mal hören wir uns wieder. Dann mit einem anderen Thema. Also, wir hören uns.