Dachmarke Bildungsportal NRW
Gruppenbild mit Ministerin Feller im Rahmen der Medienscouts Convention

„Auch auf unsere eigene Psyche aufpassen“

Medienscouts leisten wichtige Arbeit zur Förderung von Medien- und Demokratiekompetenz an den Schulen und helfen Kindern und Jugendlichen, sich im Dschungel der digitalen Kanäle zurechtzufinden. 8.500 Medienscouts gibt es in Nordrhein-Westfalen. Hier erzählen zwei von ihnen, was sie täglich an ihrer Schule in Leverkusen erleben und wo sie handeln müssen. 

Manche Bilder und Worte sind nur schwer zu ertragen. Mit Smartglasses auf Schultoiletten aufgenommene Videos, verbreitet auf Tiktok. Auseinandersetzungen in Klassenchats, ausgetragen in vulgärer und verletzender Sprache. Heimlich gemachte Bilder von Lehrkräften und Kindern, herumgeschickt in Whatsapp-Gruppen. Fake News, unkontrolliert und ungeprüft die Online-Kanäle flutend. Mit alldem können junge Menschen im Internet konfrontiert werden. Umso wichtiger, dass Semih Kaya und Jakob Dahlmann schnell zur Seite stehen und gute Verhaltenstipps geben können, wenn ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sie um Hilfe im Umgang mit sozialen Medien bitten. Gelegentlich geht es dabei auch um noch härtere Fälle wie Stalking, Cybermobbing oder die Verbreitung von Gewaltinhalten.  „Hin und wieder kommt es vor, dass wir auf unsere eigene Psyche aufpassen und uns Unterstützung bei den Beratungsfachkräften an unserer Schule holen müssen“, erzählen die beiden.

Semih, 17 Jahre jung, und Jakob, 15, sind Medienscouts am Lise-Meitner-Gymnasium in Leverkusen. Gemeinsam mit anderen Medienscouts leiten sie andere Kinder und Jugendliche durch den Dschungel der digitalen Medien. Sie helfen dabei, Risiken zu erkennen, Inhalte zu interpretieren und parat zu stehen, wenn Mitschülerinnen und Mitschülern etwas stört oder gar ihre Seele verletzt. Es kann vorkommen, dass Semih und Jakob mit Situationen konfrontiert sind, die sich nicht alleine unter Schülerinnen und Schülern auflösen lassen. Dann wenden sie sich an ihre Beratungsfachkräfte, die den Betroffenen beispielsweise weitere Unterstützungsmöglichkeiten vermitteln. Jeder weiß, welchen großen Nutzen Smartphones und Tablets im Alltag bieten. Aber sie können eben auch Böses und Beängstigendes auf die Bildschirme spülen. „Unsere Medienscouts investieren viel Zeit, um anderen Mitschülerinnen und Mitschülern auf Augenhöhe zu begegnen, ihnen zuzuhören, ihre Fragen zu beantworten und zusammen mit ihnen Wege zu finden, sich den Umgang mit den sozialen Medien leichter zu machen“, sagt Athisakthy Dederichs, Beratungslehrerin für Medien und am Leverkusener Gymnasium als Beratungsfachkraft für die Medienscouts tätig ist. 

Ausbau eines erfolgreichen Programms

Rund 3.600 Kolleginnen und Kollegen hat sie an den nordrhein-westfälischen Schulen. 8.500 Kinder und Jugendliche sind als Medienscouts tätig. Mehr als 1.300 Schulen nehmen bereits am Programm teil, das die Landesanstalt für Medien NRW (LFM NRW) initiiert hat und betreut, finanziert vom Schulministerium, welches das Angebot, das offiziell „Medienscouts NRW“ heißt, nun ausweitet. Das Programm bekommt ab 2027 zusätzliche Zielsetzungen und Inhalte. Die finanzielle Förderung wird erhöht und ist für weitere drei Jahre gesichert. Das Ministerium unterstützt die LFM NRW künftig mit jährlich 550.000 Euro und damit mit 50.000 Euro mehr pro Jahr. Bis zum Jahr 2029 stehen so insgesamt 1,65 Millionen Euro zur Verfügung. 

Mit der Auszahlung des Geldes, die Planungssicherheit gibt, sind neun neue Ziele verbunden. So sollen die Medienscouts beispielsweise die Vermittlung von Demokratiekompetenz in den Schulen noch mehr in den Fokus rücken. Es gibt zusätzliche Qualifizierungs- und Workshopangebote. Neben den weiterführenden Schulen sollen auch Grund-, Förder- und Startchancen-Schulen sowie Berufskollegs vermehrt oder neu in das Programm eingebunden werden. Medienscouts, die bereits an Grundschulen tätig waren, sollen ihre Erfahrungen und Kenntnisse nach ihrem Wechsel zu einer weiterführenden Schule auch dort einbringen. 

Medienscouts im Einsatz für die Meinungsfreiheit

Ministerin Feller brachte die gute Nachricht, dass „Medienscouts NRW“ noch mehr in die Fläche getragen wird, mit zur Medienscout-Convention, die jüngst in der LFM NRW in Düsseldorf stattfand. Auch Semih und Jakob, die beiden jungen Helfer aus Leverkusen, nahmen teil. Rund 250 Medienscouts und Beratungsfachkräfte fanden sich zusammen in den hellen Räumen der LfM NRW, in denen überall das rosa-grüne-schwarz-weiße Logo der Landesanstalt ins Auge sticht. Der Schriftzug „Meinungsfreiheit“, groß leuchtend auf den Fenstern am Eingang, begrüßte die Teilnehmenden.

"Dinge zu hinterfragen ist ein wichtiger Teil der Demokratiebildung. Und man muss auch lernen, eine andere demokratische Meinung einfach mal stehen zu lassen. Ihr helft anderen dabei, indem ihr einen Vertrauensraum schafft und entscheidend dazu beitragt, ein demokratisches Bewusstsein in die Schulen zu tragen."

Ministerin Dorothee Feller

Sowohl die Ministerin als auch Dr. Petra Gerlach als stellvertretende Direktorin der Landesanstalt für Medien NRW nahmen direkt Bezug auf das per Verfassung geschützte Grundrecht und betonten die Wichtigkeit, in der Schule Medien- und damit auch Demokratiekompetenz zu vermitteln. „Wie sehr wir als Landesanstalt der Meinungsfreiheit verpflichtet sind, steht ja sogar an unserer Tür“, sagte Dr. Gerlach, „wir brauchen zum Schutz aber vor allem auch junge Menschen, die sich engagieren, Verantwortung übernehmen und den Mut haben, sich einzumischen, wenn andere Hilfe brauchen. Solche Menschen seid ihr, liebe Medienscouts. Ich danke Euch für Euer Engagement!“ Auch Ministerin Feller betonte, die Arbeit der Medienscouts sei „unverzichtbar“. Sie sichere „Befähigung, Schutz und Teilhabe“ etwa dadurch, „dass Ihr Euren Mitschülerinnen und Mitschüler beibringt, Fake News von Wahrheit zu unterscheiden. Dinge zu hinterfragen ist ein wichtiger Teil der Demokratiebildung. Und man muss auch lernen, eine andere demokratische Meinung einfach mal stehen zu lassen. Ihr helft anderen dabei, indem ihr einen Vertrauensraum schafft und entscheidend dazu beitragt, ein demokratisches Bewusstsein in die Schulen zu tragen.“

Möglichkeit, gemeinsam Strategien zu erarbeiten

Anschließend fand eine kurze Diskussionsrunde mit der Ministerin, Vizedirektorin Dr. Gerlach, Medienscout Sehim und Beratungsfachkraft Dederichs statt. Danach diskutierten alle in Workshops und Debattenformaten viele Fragen, welche die Medienscouts in ihrem Alltag beschäftigen. Unter anderem ging es um Desinformation und Manipulationsstrategien im Netz, Radikalisierungsdynamiken auf digitalen Plattformen und Sextortion, also Erpressung mit Nacktbildern. Gemeinsam erarbeiteten die Medienscouts Strategien und Handlungsempfehlungen, die sie anschließend direkt an ihre Schulen weitergeben können. 

Auch die Beratungsfachkräfte nutzten die Medienscouts Convention, um sich mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz Nordrhein-Westfalen zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen. Erstmals fand auch ein Workshop in Kooperation mit dem WDR-TikTok-Kanal nicetoknow statt, bei dem die Teilnehmenden Einblicke in die Produktion journalistischer Inhalte für junge Zielgruppen auf TikTok erhielten. Zum Abschluss der Convention zeigte Content Creator Jon Mesenberg, wie politische und gesellschaftliche Phänomene auf Social Media verständlich vermittelt werden können und warum Medienkompetenz im Umgang mit Informationen wichtiger denn je ist.

In den Schulen positive Momente schaffen

Medienscout Jakob Dahlmann vom Leverkusener Lise-Meitner-Gymnasium nahm all die Impulse gerne mit. Schon bald wird er in seiner Schule wieder zuhören, sich Zeit nehmen und als Ratgeber wirken. Und nicht immer geht es dabei darum, gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern Negativerlebnisse in den digitalen Kanälen zu verarbeiten. „Kürzlich haben wir es zusammen geschafft, Regeln für einen Klassenchat aufzustellen“, erzählt Jakob. Ein schöner Moment war das. Einer dieser besonderen Momente, die tausende Medienscouts an den nordrhein-westfälischen Schulen schaffen.