Growth Mindset im Bildungsland NRW: Warum eine entwicklungsorientierte Haltung zur zentralen Grundlage schulischer Bildung werden kann
In Schule und Gesellschaft sind junge Menschen heute mehr denn je mit Veränderungen konfrontiert. Umso wichtiger ist das Konzept des Growth Mindset, das eine entwicklungsorientierte Haltung zur zentralen Grundlage schulischer Bildung macht.
[Schule NRW 02-26]
Schule ist mehr denn je ein Ort tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderung. Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, weltweite Krisen und Werteverschiebungen fordern Kinder, Jugendliche und Erwachsene heraus, Gewohntes neu zu denken und mit Unsicherheit produktiv umzugehen. Das gilt auch für schulische Bildungsprozesse: Wenn junge Menschen heute in der Schule auf das Morgen vorbereitet werden, benötigen sie mehr als reines Fachwissen. Sie brauchen die Überzeugung, dass sie lernen, wachsen und sich entwickeln können. Die Schule ist hierbei kein Ort bloßer Wissensvermittlung, sondern ein Lebens- und Erfahrungsraum, in dem junge Menschen sich ausprobieren, Fehler machen dürfen, (daran) wachsen und Zukunft gestalten lernen. Aus Sicht des Ministeriums für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen (MSB NRW) ist es ein zentrales Anliegen, schulische Entwicklungsprozesse so zu gestalten, dass Lernende in einer sich verändernden Welt handlungsfähig bleiben. Die Förderung einer entwicklungsorientierten Haltung bildet dafür eine wesentliche Grundlage.
Bildung in Zeiten des Wandels
Genau hier setzt das Konzept des Growth Mindset an. Die US-amerikanische Psychologin Carol Dweck beschreibt damit die Überzeugung, dass Fähigkeiten durch Übung, Feedback und Ausdauer veränderbar sind – ganz im Gegensatz zur Annahme eines „Fixed Mindset“, bei dem Intelligenz oder Begabung als unveränderlich gelten. Menschen mit einem Growth Mindset lernen aus Fehlern, bleiben in herausfordernden Situationen handlungsfähig und übernehmen Verantwortung für ihren Lernweg. Diese Haltung betrifft nicht nur Lernende, sondern auch Lehrkräfte und pädagogisches Personal, das tagtäglich Impulse für Wachstum und Entwicklung setzt. Ein Growth Mindset kann so zu einer gemeinsamen Grundlage in Schulkultur und Unterrichtsentwicklung werden.
Eine pädagogische Haltung mit Wirkung
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass ein Growth Mindset positive Auswirkungen auf Lernleistung, Motivation, Wohlbefinden und Resilienz hat. Die PISA-Studie 2018 weist nach: Schülerinnen und Schüler mit einer wachstumsorientierten Haltung erzielen in allen getesteten Bereichen – Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften – signifikant bessere Ergebnisse. Zudem zeigen sie weniger Versagensängste und höhere Lebenszufriedenheit. Neuere Forschungen, etwa eine Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) aus dem Jahr 2024, belegen, dass Growth-Mindset-Interventionen insbesondere bei Schülerinnen und Schülern mit Bildungsrisiken signifikante Verbesserungen der mentalen Gesundheit und Motivation bewirken, während die Effekte auf die schulischen Leistungen je nach Gruppe variieren können.
Besonders deutlich profitieren sozioökonomisch benachteiligte Schülerinnen und Schüler, Kinder mit Migrationshintergrund und Mädchen in MINT-Fächern, also Gruppen, die in klassischen Leistungsstatistiken häufig niedrigere Leistungswerte erzielen. Ein Growth Mindset kann hier einen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit leisten.
NRW: Growth Mindset als strategisches Entwicklungsziel
Die Bezugsdokumente des Landes NRW und so auch der zuletzt veröffentliche Schulkompass NRW 2030 verankern die hinter dem Begriff „Growth Mindset“ liegenden Prinzipien in den aktuellen Bildungszielen des Landes: Die Leitlinien betonen unter anderem Eigenverantwortung, Entwicklung, reflektierte Leistungsbeurteilung sowie eine lernförderliche Schulkultur und damit zentrale Bausteine eines Growth Mindset. Auch das Impulspapier II („Zentrale Entwicklungsbereiche des Lernens in der digitalen Welt“) stellt die Weiterentwicklung von Unterricht, Lernkultur und Personal in den Fokus. Es bietet damit eine geeignete Grundlage, um das Growth Mindset systematisch in die Schulentwicklung zu integrieren – etwa durch Leitbildarbeit, Steuergruppenprozesse oder schulinterne Fortbildungen.
Der Innovationsbeirat des Schulministeriums greift diese Entwicklungen gezielt auf. Seit dem Schuljahr 2025/26 arbeiten dort Schulleitungen verschiedener Schulformen gemeinsam mit Vertreterinnern und Vertretern des Ministeriums daran, zukunftsweisende Impulse für Unterricht und Schulentwicklung zu erarbeiten. Das Thema „Growth Mindset und Persönlichkeitsentwicklung“ wurde dabei früh als strategisch bedeutsam identifiziert. Ziel ist es, praxistaugliche Zugänge zu schaffen, um eine wachstumsorientierte Haltung nicht nur als Konzept, sondern als gelebten Bestandteil schulischer Entwicklungsprozesse zu verankern.
Impulse aus der Praxis – Unterstützung für das Bildungsland
Die Ergebnisse dieser gemeinsamen Arbeit fließen nun in konkrete Unterstützungsangebote für Schulen ein. Ziel ist es, praxisnahe Materialien und Formate bereitzustellen, die Kollegien, Schulleitungen und Eltern darin unterstützen, eine wachstumsorientierte Lern- und Schulkultur zu etablieren.
Idee
Ziel: Hilfestellung, Sensibilisierung und Verantwortungsübernahme der Schulgemeinschaft füreinander: Gestaltete Bank als Ort, an dem Schülerinnen und Schüler signalisieren können: „Mir geht es nicht gut und ich möchte in Kontakt treten.“
Zielgruppe
Schülerinnen und Schüler
Konkretes Vorgehen
Setzt sich eine Schülerin oder ein Schüler auf die Bank, darf niemand aus der Schulgemeinde vorbeigehen, ohne diejenige Schülerin oder denjenigen Schüler anzusprechen, was sie oder er benötigt oder wie man helfen könne.
Benötigte Materialien oder Ressourcen
Eine durch Schülerinnen und Schüler gestaltete Bank, die in den Pausen und während des Unterrichts für alle zugänglich sein muss.
Einführung schulweiter Regeln des Umgangs mit der Bank: „Wir sind füreinander da“ sowie „Von der Stärke, Hilfe zu erbitten“ als gesamte Schulgemeinschaft.
Idee
Eine bewusste, wachstumsorientierte Sprache unterstützt Lernende dabei, Anstrengung, Fehler und Herausforderungen als selbstverständliche Bestandteile von Lernen zu verstehen. Growth-Mindset-Satzstarter geben ihnen sprachliche Orientierung, um über Lernprozesse und Fortschritte konstruktiv zu sprechen und stärken so Reflexion und Selbstwirksamkeit. Der gemeinsame Einsatz dieser Satzstarter kann eine Lernkultur fördern, in der Entwicklung, Erprobung, Feedback und gegenseitige Unterstützung sichtbar werden.
Zielgruppe
Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und pädagogisches Personal
Konkretes Vorgehen
Lehrkraft stellt eine Auswahl an Satzstartern bereit und fördert so die Sprache des Lernens.
Benötigte Materialien oder Ressourcen
Kärtchen, Poster, Beamer-Projektion, Touchpanel
Beispiele für Lehrkräfte
- Gibt es eine andere Idee? Geht es auch anders?
- Hast du / Habt ihr einen Weg gefunden, der nicht funktioniert?
- Wie bist du auf diese Lösung gekommen? Was hast du dir dabei gedacht?
- Hat noch jemand eine Idee, wieso es nicht klappt?
Idee
Ein zukunftsfähiges Schulkonzept stärkt die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule durch echte Mitgestaltungsmöglichkeiten. Eltern werden in allen Arbeitsgruppen der Schulentwicklung (Projektarbeitsgruppen, Steuergruppe) sowie an Pädagogischen Tagen zur Mitwirkung eingeladen. Diese Form der Zusammenarbeit ermöglicht Beteiligung auf Augenhöhe und fördert vielfältige Perspektiven. So wird zur Partizipation nicht nur eingeladen, sondern sie wird aktiv gelebt – und Schule wird zu einem gemeinsamen Lern- und Gestaltungsraum.
Zielgruppe
Eltern und Erziehungsberechtigte
Konkretes Vorgehen
Grundidee der partnerschaftlichen Schule: Eltern werden über die Mitgestaltungsmöglichkeiten in allen schulischen Gremien informiert und zur aktiven Mitwirkung eingeladen. Im Sinne der Transparenz erhalten sie Informationen zu Ablauf, Termingestaltung und Zielen. Eltern können ihre Bereitschaft zur Beteiligung je nach an der Schule üblichen Verfahren anmelden.
Benötigte Materialien oder Ressourcen
keine
Idee
Wenn sich Menschen in herausfordernden Situationen befinden, benötigen sie Schutz und Unterstützung durch die Schulgemeinschaft.
Zielgruppe
Lehrkräfte, pädagogisches Personal
Konkretes Vorgehen
In jedem Raum hängen zwei Karten mit Raumnummer und Etage. Merkt eine Person, dass sie zu gestresst oder überfordert ist und nicht mehr angemessen den Unterricht steuern kann, schickt sie zwei Lernende mit je einer Krisenkarte los. Diese bringen je eine Karte in die nächstgelegene Klasse und in die Verwaltung. So werden zwei andere Teammitglieder informiert. Diese gehen sofort zu der betroffenen Klasse, natürlich auch während des eigenen Unterrichts. Dort fragen sie die Person, die die Krisenkarte aktiviert hat: „Was brauchst du?“. Entscheidend ist, dass die Situation nicht bewertet wird.
Tipp: Es empfiehlt sich zum Einüben des Verfahrens, mit den Lehrkräften zu vereinbaren, wie häufig die Karte in einem bestimmten Zeitraum genutzt werden soll (Hemmungen abbauen, Verfahren einüben).
Benötigte Materialien oder Ressourcen
Ressourcenkarten für alle Klassen- und Fachräume. Bereitschaft, den eignen Unterricht zu verlassen, um spontan zu unterstützen.
Weitere Quick-Wins und praxisnahe Materialien zur Stärkung eines Growth Mindset werden fortlaufend auf einer digitalen Pinnwand gesammelt und aktualisiert.
Den Auftakt dieser Unterstützungsangebote bilden die sogenannten Quick-Wins. Dabei handelt es sich um niedrigschwellige, sofort einsetzbare Praxisbeispiele, die ohne großen organisatorischen Aufwand Wirkung entfalten und zentrale Prinzipien eines Growth Mindset stärken.
Die hier vorgestellten Beispiele zeigen exemplarisch, wie Growth Mindset auf unterschiedlichen Ebenen von Schule – im Unterricht, im Kollegium, in der Schulgemeinschaft und in der Zusammenarbeit mit Eltern – konkret umgesetzt werden kann. Weitere Quick-Wins werden fortlaufend auf der digitalen Pinnwand gesammelt und stehen Schulen als Inspirations- und Materialsammlung zur Verfügung.
Ergänzend dazu wird außerdem derzeit ein Podcastformat entwickelt, das praxisnahe Impulse zur Stärkung eines Growth Mindset in der Schulpraxis aufgreift und unterschiedliche Perspektiven aus Schule und Schulentwicklung sichtbar macht.
Ein Growth Mindset ist mehr als ein pädagogisches Konzept. Es ist eine Haltung gegenüber Entwicklung, Potenzial und Verantwortung. In einer Welt, die durch Instabilität, Ungewissheit und Komplexität geprägt ist, werden Lernfreude, Selbstwirksamkeit und Fehlerfreundlichkeit zu tragenden Säulen von Bildung. Der Innovationsbeirat begrüßt die strukturelle Verankerung dieses Ansatzes in Nordrhein-Westfalen und ist überzeugt:
Wachstum beginnt im Kopf. Wirkung entsteht im Miteinander.
Für den Innovationsbeirat:
Annette Carl, Melanie Gerke, Luigi Giunta, Dr. Birte Güting, Christof Haering, Catrin Ingerfeld-Bloemertz, Nicola Küppers, Michael Piek, Dr. Tanja Reinlein, Engelbert Sanders, Gerlinde Schulte-Kramm