Dachmarke Bildungsportal NRW
Lehrerin sitzt mit einer Handpuppe vor Kindern, die an einem Tisch sitzen.

Ein cooler blauer Maulwurf hilft beim Schulstart

„Inselraum“, „Fit für den Schulstart“, „Bärenstark“: Viele Schulen zeigen mit unterschiedlichen Konzepten großen Einsatz, um Kindern mit besonderem Förderbedarf im Bereich der Basiskompetenzen den Übergang von der Kita in die Schule zu erleichtern – Vorläufermodelle für die ABC-Klassen. Eindrücke aus Schulen in Oberhausen, Köln und Emmerich, die mit engagierten Kollegien und innovativen Konzepten baldige Neuankömmlinge willkommen heißen.

Oskar ist ein lässiger Typ. Ein blauer Maulwurf, die rote Kappe verkehrt herum auf dem Kopf, ein Lächeln im knubbeligen Gesicht, die rote Nase dick und rund. Als Stofffigur lehnt er über der Tafel in einem nach ihm benannten Raum in der Brüder-Grimm-Grundschule in Oberhausen. Neben ihm beugt sich sein grüner Kumpel Lobo, ein Drache, über die Tafel und guckt ebenfalls neugierig ins Klassenzimmer. Die sozialpädagogische Fachkraft Claudia Gawol hat beide Puppen dort hingesetzt. Sie greift immer wieder mal nach einer von ihnen, holt sie auf den Arm, lässt sie Sätze sprechen, klar und deutlich. Oskar und Lobo helfen an diesem Tag 13 zukünftigen Schulkindern dabei, ihr Deutsch zu verbessern. Es sind Mädchen und Jungen aus nahen Kindertageseinrichtungen, die seit März regelmäßig mehrmals pro Woche für zwei Stunden in der Grundschule zu Gast sind. Bevor sie im August regulär in den Schulbetrieb starten, schnuppern sie schon mal rein in ihre künftige Grundschule. 

Darunter ist Lia, fünf Jahre jung. Sie soll mit Hilfe von Bildchen an der Tafel zeigen, welche Begriffe sich reimen. Passend legt sie Hase und Nase nebeneinander. Adem, ebenfalls 5, ist auch auf Zack und verbindet in einem Buch mit dem blauen Oskar auf dem Cover einen Pinsel und eine Insel. Mira, 5, ist sich sicher, dass die Tonne neben die Sonne gehört. Und so bilden alle Kinder fleißig jede Menge Wortpaare, haben sichtbar Spaß – und werden diesen mit Sicherheit auch an ihrem ersten richtigen Schultag im Spätsommer haben. Denn dann wissen sie ja längst, was sie erwartet in den Gängen und Klassen. „Die Kita-Kinder, die bereits bei uns sind, werden an ihrem ersten Schultag nicht weinen müssen“, betont Schulleiterin Nicole Pasdag. Rund 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler der Brüder-Grimm-Schule haben einen Migrationshintergrund, und viele davon beginnen gerade erst, die deutsche Sprache zu lernen. Da ist es nicht ungewöhnlich, dass Eltern und Kinder Unsicherheit in den ersten Unterricht mitbringen. Manchmal auch Angst. Und nicht selten fließen Tränen.

Das Konzept „Fit für den Schulstart“, mit dem die Ruhrgebiets-Schule aktuell rund 100 Mädchen und Jungen aus Kitas für den Schulbeginn vorbereitet, steht exemplarisch für viele vergleichbare Modelle nordrhein-westfälischer Schulen. Diese Modelle haben unterschiedliche Namen. Mal heißen sie „Inselraum“, mal „Bärenstark“, mal „Schmetterlingsgruppe“. Aber alle eint ein Ziel: Es gilt, Kinder vor dem Schulstart in ihren Vorläuferkompetenzen so zu stärken, dass sie mit Grundkenntnissen in Deutsch, Mathematik und mit ausreichenden sozial-emotionalen Fähigkeiten selbstbewusst mit der Schultüte in der Hand starten können.

Die ABC-Klassen bauen eine Brücke zwischen Kita und Grundschule. Wir helfen frühzeitig, wo Unterstützung notwendig ist, damit Kinder mit besseren Voraussetzungen in die Schule starten können.“

Schulministerin Dorothee Feller

Damit sind all diese Modelle Vorläufer für ein Großprojekt, welches das nordrhein-westfälische Schulministerium ab dem Schuljahr 2028/2029 einführt. Dann werden die ABC-Klassen eingerichtet, die die sprachliche Bildung in Kitas und Grundschulen noch enger miteinander verzahnen. Grundsätzlich zweimal pro Woche sollen Kinder, die zusätzliche Unterstützung beim Spracherwerb benötigen, jeweils zwei Stunden lang eine differenzierte Förderung erhalten – plus eine Stärkung körperlich-motorischer, emotional-sozialer und anderer Vorläuferkompetenzen. Grundschullehrkräfte und sozialpädagogische Fachkräfte begleiten den Nachwuchs dabei individuell. „Die Bildungsstudien der vergangenen Jahre mit ihrer Haupterkenntnis, dass es zu vielen Kindern an Basiskompetenzen fehlt, zeigen: Die Zeit drängt. Entscheidend ist, dass wir beides brauchen: den Blick aus dem Bereich der frühkindlichen Förderung und den der Grundschule. Die alltagsintegrierte Sprachbildung in den Kitas bleibt unverzichtbar und muss weiter gestärkt werden. Gleichzeitig benötigen wir eine ergänzende Förderung, die gezielt die Kinder erreicht, die zusätzliche Unterstützung haben müssen. Dabei nehmen wir ganz bewusst alle Kinder in den Blick, also auch die Kinder, die keine Kita besuchen. Die ABC-Klassen bauen eine Brücke zwischen Kita und Grundschule. Beide Bereiche müssen wie Puzzleteile ineinandergreifen. Dabei schaffen wir ganz bewusst flexible Lösungen vor Ort. Die Förderung kann in der Schule, in der Kita oder an einem anderen geeigneten Ort stattfinden. Es geht nicht darum, Kinder auszugrenzen oder zu stigmatisieren. Im Gegenteil: Wir helfen dort frühzeitig, wo Unterstützung notwendig ist, damit Kinder mit besseren Voraussetzungen in die Schule starten können“, erläutert Schulministerin Dorothee Feller.

Lehrerin hockt neben einem an einem Tisch sitzenden Kind und erklärt etwas in einem Buch.
Alle Vorläufer-Modelle eint ein Ziel: Kinder in ihren Vorläuferkompetenzen so zu fördern, dass sie mit Grundkenntnissen in Deutsch und Mathematik und gestärkten sozial-emotionalen Fähigkeiten selbstbewusst in die Schulzeit starten können.

Die Schulen begrüßen diese Planung sehr – schätzen aber auch jetzt schon die Möglichkeit, auf diverse Möglichkeiten zurückzugreifen. So gibt es beispielsweise die sogenannte „Klasse 0“, ein Angebot des Unternehmers Raoul Roßmann. Zusammen mit der Initiative „wirfürschule“, Stiftungen und anderen Unternehmen stellt er Schulen unbürokratisch und schnell Geld zur Verfügung, damit diese mit System förderungsbedürftige Kinder für den Schulstart präparieren. „Auch dies ist begrüßenswert“, sagt Ministerin Feller, „aber wir wollen ja bewusst noch weiter gehen und die ABC-Klassen mit einer festen gesetzlichen Grundlage und klaren Strukturen flächendeckend in Nordrhein-Westfalen verankern.“

Bis es so weit ist, lohnt ein Blick in weitere Schulen, die mit viel Engagement und großem Einsatz ihrer Kollegien bereits diese Brücken zwischen Kindertagesstätten und Schulen bauen. Überall sind sowohl Logistik als auch Personaleinsatz gut koordiniert. So bringen an der Oberhausener Brüder-Grimm-Schule die Eltern morgens ihre Kita-Kinder und haben dabei immer auch kurz die Gelegenheit, mit den pädagogischen Fachkräften ins Gespräch zu kommen. Nach dem Zwei-Stunden-Programm bringen Mitarbeitende der Schule die Kinder in die Kitas zurück. An der James-Krüss-Grundschule, beheimatet im Kölner Stadtteil Ostheim, kümmert sich Schulsozialpädagogin Johanna Reh gemeinsam mit ihrer Kollegin Olga Jenna um die ebenfalls von ihren Eltern gebrachten Kinder aus nahegelegenen Kitas. Das umfangreiche Konzept dafür haben die vier Schulsozialpädagoginnen Heike Fürst, Andrea Mohr, Angela Peter und Öznur Özyilmaz-Gündogdu erarbeitet. Zweimal in der Woche kommen Mädchen und Jungen in die Grundschule, versammeln sich im „Zauberraum“, in dem es unter anderem einen Spielebereich, eine Bauecke, ein Puppenhaus und einen Gemeinschaftstisch gibt. Jeweils zehn Kinder, bei denen im Rahmen der Schulanmeldung festgestellt wurde, dass sie vor Schulbeginn noch ergänzende Unterstützung benötigen, kommen etwa ein halbes Jahr vor ihrer Einschulung von November bis März in die Schule. Zehn weitere Kinder besuchen die Schule ab März bis kurz vor ihrem Einschulungstermin.

„Wir versuchen, die Vorläuferfähigkeiten auf unterschiedlichen Ebenen zu stärken“, erzählt Johanna Reh. Bei manchen arbeitet sie mit Bild- und Zahlkarten, um sprachliche und mathematische Fertigkeiten zu fördern. Bei anderen geht es darum, mit Knetübungen die Motorik zu formen, denn es kann vorkommen, dass schon einfache Bewegungen die Kinder sehr stark fordern. Bei wiederum anderen steht die Stärkung sozial-emotionalen Verhaltens im Vordergrund, damit sie sich in Gruppen respektvoll bewegen können. Bereits nach kurzer Zeit stellt die Schulsozialpädagogin positive Entwicklungen fest. Auch die Mütter und Väter profitieren enorm von den Schnuppertagen. „Die Eltern werden quasi nebenbei geschult, wie sie mit einfachsten Ideen die Fähigkeiten ihrer Kinder unterstützen und weiterentwickeln können“, sagt Schulleiterin Christiane Hartmann. Johanna Reh ergänzt, dass ihr bei den schnell zu merkenden Fortschritten der Mädchen und Jungen das Herz aufgehe: „Kommen Kinder erst noch mit einer gewissen Vorsicht in den Zauberraum, so merken wir schnell, dass sie sich viel mehr zutrauen, ihren Charakter zeigen, Scherze machen oder sich trauen, Fragen zu stellen und sich zu melden. Sie werden viel mutiger – das ist schön zu sehen.“

Groß ist auch die Freude am Niederrhein, wenn solche Fortschritte zu verzeichnen sind. Die Leegmeerschule in Emmerich hat ein Übergangskonzept Kita-Grundschule niedergeschrieben, das sehr detailliert an verschiedenen Baustellen arbeitet, etwa an der phonologischen Bewusstheit, der Mengenerfassung, der Auge-Hand-Koordination oder an sozialen und emotionalen Kompetenzen. Ein Kernstück des Konzepts sind regelmäßige Besuche von acht Drittklässlern in der gegenüberliegenden Kita, begleitet von Bärbel Raffelsieper, soziale Fachkraft in der Schuleingangsphase, und der multiprofessionellen Fachkraft und Kinderphysiotherapeutin Nicole Malik. Die älteren Schülerinnen und Schüler übernehmen dabei eine unterstützende Rolle und helfen, spielerisch Vorläuferfähigkeiten zu vermitteln. In Kleingruppen feilen sie mit den kleineren Kindern an Aufgaben zur Feinmotorik wie Schneiden oder Malen. Die älteren Kinder lesen vor und fördern in anschließenden Gesprächen Wortschatz und Ausdrucksfähigkeit. Jedes Kind aus der dritten Klasse übernimmt eine Patenschaft für ein Kind, das aus der Kita kommt – so wird die Grundlage für eine enge Begleitung auch in der Schulanfangsphase gelegt. Oftmals sorgt die Schule zudem dafür, dass die Kita-Kinder schon bei schulischen Ereignissen dabei sein können, zum Beispiel bei Theateraufführungen oder beim Vorlesetag. „Auf diese Weise verbinden die Kinder die Schule schon frühzeitig mit positiven Events und verlieren die Scheu vor dem ersten Schultag“, sagt Schulleiterin Nadja Scherer. 

All das fördert – aber es fordert natürlich auch. Es braucht bei den Begegnungen mit den Kita-Kindern viele Entspannungs- und Bewegungsphasen. In Oberhausen, an der Brüder-Grimm-Schule, laufen Schulleiterin Nicole Pasdag, die sozialpädagogischen Fachkräfte Claudia Gawol und Gaby Klimanek sowie ihre Kollegin Valeriia Fashchilina nach den Reim-Übungen im Oskar-Raum jetzt mit den 13 Kindern Richtung Schulhof. Alle gehen hintereinander her, wie ein großer Wurm schlängeln sie sich durch die Schule, Gaby Klimanek vorneweg. Sie macht ein Spiel mit den Kindern: Sobald sie sich umdreht, erstarren die Mädchen und Jungen in ihrer Bewegung, frieren quasi kurz auf der Stelle fest. Dreht sich die sozialpädagogische Fachkraft wieder nach vorne, trottet der Tross fröhlich weiter. Auf dem Schulhof sind alle wieder gänzlich aufgetaut – beim Hüpfen, Springen, Rutschen. Stimmengewirr erfüllt die Luft. 

Danach geht es wieder rein in das nach dem coolen blauen Maulwurf benannte Zimmer, die nächste spielerische Einheit steht an: Zahlen kennenlernen. Die bunte Unterstützung ist immer noch da, in Gestalt von Oskar und Lobo, die weiterhin lächelnd von der Tafel aus in den Raum gucken. Alles wird gut im Herzen des Ruhrgebiets. Der Schulstart kann kommen.    

 

Autor: Frank Lehmkuhl